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 Flavor's Heart (Großer Saal)

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Alaska*
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BeitragThema: Flavor's Heart (Großer Saal)   Fr 29 Mai - 0:14

In diesem Bereich der Bar landet man direkt nachdem man hereinkommt. Der halbe Saal ist mit identischen Möbeln - runde Bänke mit schwarzen Polstern - gefüllt. In der Mitte einjeder dieser Bänke befindet sich ein runder schwarzer zweistufiger Tisch, auf dem es einen kleinen Silberständer mit einer Speise-und Getränkekarte sowie einem Auftrittsprogramm gibt. Auf der Vorderseite der schwarz-weißen Klapplarten steh der Name des Gebäudes, "Flavor Bar", im inneren werden dann mehrere Spezialtage und das dazugehörige Angebot aufgeführt. Am Ende der Tanzfläche liegt eine Theke mit Barhockern davor, der Rest des Raums wird von einer Bühne mit unterschiedlich langen Flächen ausgefüllt. Es gibt sowohl eine Stange, die aus der Decke ragt und bis zum Boden reicht, als auch auf der anderen Seite der großen Hauptauftrittsfläche einen Käfig. Die Wand hinter der Bühne ist schwarz, wohl um eine Lichtshow darauf projizieren zu können, die schwarzen Samtvorhänge an den Seiten erinnern an ein Theater. Durch Flure gelangt man von hier zu den Toiletten, den Abstellkammern und zu Alaskas Zimmer.



Grundriss:

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Jona*
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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Sa 13 Jun - 1:07

Cf: Straßen der Stadt

Die Gegend scheint vertrauter für meine Begleitung geworden zu sein, denn ihre Schritte sind schneller geworden. Meine Lunge pumpt den Sauerstoff durch meinen Körper und brennt schmerzhaft. Ich habe Mühe mit ihr mitzuhalten, sage aber nichts dazu. Sie scheint es plötzlich sehr eilig zu haben.
Als die Sprache auf meine neuen Bekanntschaften am Fluss kommt, meint Alaska sie glaube zu wissen, von wem ich spreche. Dann möchte sie wissen, warum sie mich im Wald zurückgelassen hätten. Ob ich ihr die Geschichte erzählen soll?
„Ich weiß nicht so recht. Nachdem was geschehen war, wollte ich doch lieber allein sein. Einer ihrer Freunde ist plötzlich ohnmächtig geworden. Warum weiß ich nicht, als ich sie fragte, was mit ihm los wäre, schrieb Anna mir auf einen Zettel ihre Antwort. Die Schrift konnte ich schlecht entziffern aber irgendetwas mit viel nachdenken stand drauf. Und na ja vom vielen Denken wird wohl niemand bewusstlos, das wäre mir neu. Aber egal, der junge Mann ist dann etwas später wieder zu sich kommen und dann allein in den Wald gegangen, was ich wiederrum für keine gute Idee hielt aber gesagt habe ich dazu nichts. Auch seine beiden Freunde brauchten wohl eine Weile um zu realisieren was passiert war, bevor sie ihm nachliefen.“ Ich setze zu einer kurzen Sprechpause ein, um Luft zu holen. „Sag mal ist sie wirklich stumm?“ Ich glaube zwar nicht, dass Anna in diesem Punkt gelogen hat aber Kontrolle ist nun mal besser als Vertrauen, sagt auch ein Sprichwort.
Alaska wirkt immer angespannter je näher wir der Bar kommen. Was hat sie nur? Auf meine Kommentar mit dem Mond meint sie der Strand wäre der perfekte Ort um die Lichter am Himmel zu beobachten und egal wie viele Sorgen man hätte, man sollte sich diese kleinen Freuden des Lebens bewahren, da sie uns zeigen würden, das nicht alles so arg wäre, wie wir es manchmal sehen würden. Klingt schon fast philosophisch. Erwidern kann ich jedoch nicht darauf, da ich die Luft zum Atmen statt zum Sprechen verwenden muss, im Moment. Dann stehen wir endlich vor der Bar. Als ich sie frage, ob die anderen schon schlafen würden, meint sie, sie wisse es nicht aber seit es keinen Strom mehr gebe, wäre die Bar sowieso kein Ort der Helligkeit. Sie bittet mich dann herein. Der Schankraum ist leer und dunkel. Ich blicke mich um und horche. Nichts. Kein Mensch und kein Geräusch. „Wer wartet denn hier auf dich?“ Doch anstatt einer Antwort stellt sie die Kanister neben dem Tresen ab und verschwindet in einem der Hinterzimmer. Ich stelle meinen Kanister neben die anderen. Lasse meine Rucksack auf dem Tresen stehen und setze mich erstmal um nach dem relativ langen Fußmarsch zu verschnaufen. Ich trinke einen kleinen Schluck Wasser aus meiner Flasche. Ich frage mich was sie dort hinten macht. Weckt sie etwa ihre Freunde? Ein Begrüßungskomitee brauche ich nun wirklich nicht. Dafür wäre am Morgen auch noch Zeit. Ich stehe auf und setzte mich lieber auf eine der Bänke, die sich gemütlicher für meinen Rücken anfühlt als der harte Barhocker am Tresen. Ob ich mal nachsehen soll? Ach nein, sie wird sicher gleich wieder in den Schankraum kommen. Oder etwa nicht? Ah da ist sie ja wieder. Sie hält ein Tuch in den Händen tränkt es kurz in kaltes Wasser und verschwindet wieder im Hinterzimmer, ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Alaska?“ Doch auch auf mein Fragen reagiert sie gar nicht. Seltsam. Was ist das nun wieder für ein Spiel? War es vielleicht doch ein Fehler mit ihr mitzugehen? Vorsichtig stehe ich auf und gehe den Weg, den sie gerade gegangen ist. Die Türe ist leicht angelehnt. Sie kniet neben einem Bett auf dem ein junger Mann liegt. Ich stoße die Türe ein wenig auf. Alaska sieht mich an. Sie legt ihm das nasse Tuch auf die Stirn Der Junge auf dem Bett rührt sich nicht. Ob er noch lebt? Er sieht sehr verschwitzt und fiebrig aus. Viel erkenne ich im Schein des Mondes nicht. Ob er krank ist? Deswegen war sie wohl so besorgt, wegen ihrem Freund hier. Jetzt geht mir auch ein Licht auf. Gleichzeitig bereue ich es doch mit ihr mitgegangen zu sein. Wo bin ich hier nur hineingeraten? Vor dem Bett erkenne ich ein Stück Papier. Ich bücke mich um es aufzuheben. In der Hand drehe ich es. Es ist kein einfaches Stück Papier. Es ist ein Foto. Drei Kinder sind auf dem Bild abgebildet. Ich lege das Foto auf den Nachttisch. „Wie geht es ihm?“ frage ich flüsternd, um ihn nicht zu wecken, wenn er doch nur schlafen sollte. Ich bleibe zunächst aber immer noch im Türrahmen stehen. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit. Einerseits möchte ich Alaska nicht allein mit dem kranken Jungen lassen, jetzt wo ich weiß, warum sie sich solche Sorgen gemacht hat aber andererseits weiß ich nicht, wie ich ihr behilflich sein könnte. Aber warum hat sie ihn allein gelassen? Nun gut, wie hätte sie sonst auch das Wasser besorgen sollen? Am liebsten würde ich die Bar sofort wieder verlassen. Aber allein in der dunkeln Stadt möchte ich auch nicht herumirren, da ist dann die Bar doch die bessere Variante, egal ob da ein totkranker Junge liegt oder nicht. Ich beobachte die beiden stumm, da ich nicht weiß was ich tun soll oder wie ich doch von nutzen für die beiden sein kann.

Tbc Flavors Soul
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Alaska*
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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Di 16 Jun - 12:44

cf: Straßen der Stadt

Unsere Schritte hallen auf dem Parkettboden wider, alles wirkt ungewöhnlich still. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit, denn natürlich kann ich von hier aus nicht sehen, ob Katina noch mit Luca in meinem Zimmer ist, ob beide schlafen oder ob Luca...seiner Verletzung erlegen ist, was manchmal schneller gehen kann als man denkt. Wieder dringt nur spärlich Licht durch die Fenster, von denen Katina und ich immer noch nicht die Folie abgerissen haben. Eigentlich will ich sofort in mein Zimmer gehen, aber Jona setzt dazu an, mir zu berichten, was am Fluss los gewesen ist und diese Sekunde gönne ich ihm noch, selbst wenn es mich innerlich zerreißt. Er erzählt, Anna wäre mit zwei Freunden unterwegs gewesen, von denen einer wohl auch nicht ganz gesund ist, da er plötzlich ohnmächtig geworden sei. Ich kenne eine Krankheit, bei der durch ein Lachen oder auch sonst durch irgendeinen simplen Grund - sowie durch gar keinen außer der Störung selbst - ausgelöst werden kann, dass derjenige sofort einschläft. Ohnmacht ist allerdings etwas anderes. Narkolepsie kann schnell mit ihr verwechselt werden, weil die Attacken, die damit verbunden sind, nicht voraussehbar sind und man logischerweise, wenn jemand umfällt, erst mal daran denkt, dass er das Bewusstsein verloren hat, statt schlagartig eingeschlafen zu sein. Auf alle Fälle ist es tatsächlich sehr ungewöhnlich, dass der Betroffene plötzlich wieder aufsteht und seine Gruppe verlässt. Die ganze Geschichte klingt äußerst merkwürdig, ich beschäftige mich aber nicht weiter damit, da die Leute schon selbst wissen müssen, was sie tun und ich kein Kindermädchen von irgendwem bin, geschweige denn sein möchte. Meiner Mutter hätte das nun keine Ruhe gelassen. Sie als Krankenschwester wollte und musste immer helfen, wo sie konnte, ihr Stolz und ihre Prinzipien untersagten es ihr, die Arbeit anderen zu überlassen, falls sie selbst nützlich sein könnte. An mich hat sie das nicht ganz vererbt, ein paar Funken scheinen trotzdem in mir davon zu bestehen, was die letzten Stunden nur zu gut zeigen. Anders als Mum sehe ich es hingegen nicht ein, mit aller Gewalt jemandem beizustehen, egal ob er möchte oder nicht. Keinem soll es schlecht gehen, doch mich aufzuzwingen und damit selbst in Gefahr zu bringen, nur um letztendlich möglicherweise sogar schlimmer zu enden, werde ich niemals. Der Virus hat dafür gesorgt, dass Egoismus bei jedem stärker präsent ist denn je. Jeder wünscht sich doch zu überleben und so hilfsbereit man sein mag, dafür dass man für eine andere Person sein eigenes Dasein riskieren oder für sie sterben wollen würde, muss viel passieren. Der einzige Mensch, für den ich das tun würde, ist Paris und er ist nicht hier. Außer ihm gibt es in meinem Herzen keine Lebenden mehr, denen ich so stark verbunden bin.
Jona will noch wissen, ob Anna echt nichts sagen kann, doch meine Geduld ist endgültig am Ende und ich muss nach den anderen sehen gehen. Neben der Bar lasse ich die Kanister einfach auf den Boden sinken, einer davon fällt um, aber da er verschlossen ist, läuft das Wasser nicht aus. Jona sagt etwas, aber ich höre es nicht, eile die Flure entlang und atme vor meiner Tür tief durch. Den Rucksack mit den Kräutern und allem trage ich weiterhin auf meinem Rücken. Ich lege eine Hand auf die Klinke und drücke sie herunter.

tbc: Flavor's Soul

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Sa 20 Jun - 15:53

Cf:  Flavors Soul

Draußen im Schankraum ist nun auch hell genug, um sich genauer umzusehen. Neben einer Theke gibt es kleine Sitzecken mit Bistrotischen. Auch eine Bühne findet man an einer Wand. Ich kann verstehen, dass Alaska die Bar nicht wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuführen will. Man kann genau erkennen, dass die Flavor Bar vor dem Virus ein Striplokal war. Immerhin gibt es neben einem Käfig eine Gogostange mitten im Raum. Na ja vielleicht ist das, was Alaska, aus der machen möchte, keine allzu schlechte Idee. Allerdings sollte sie vielleicht einen Türsteher oder sowas, engagieren, denn Verrückte gibt es draußen viel zu viele und die will sie sicher nicht mit ihrer Bar anlocken. Ich schnappe mir meinen Rucksack vom Tresen und gehe Richtung Sitzbänke. Auf dem Weg dorthin bleibe ich plötzlich stehen. Ist das Blut auf dem Boden? Ich muss mich zusammenreißen, mich nicht zu übergeben, da es sich tatsächlich um Blut handelt. Ich blicke mich um, zur Tür von Alaskas Zimmer. Ob es sich um das Blut des Jungen, dort drin, handelt? Ist ja widerlich. Ich gehe an dem Fleck, der die Größe einer Wassermelone hat, vorbei und setze mich auf die Bank. Meinen Rucksack lege ich neben mich. Ich hole meine Decke heraus und knülle sie zu einem Kissen zusammen. Aber an Schlafen kann ich nicht denken. Nicht mit diesem Blutfleck dort. Ich stehe auf und hole mir einen Lappen hinter der Theke und befeuchte ihn mit Wasser aus dem Kanister. Ich gehe dann zu dem Blutfleck, knie mich daneben und wische ihn weg. Es ist nicht einfach und auch eine widerliche Angelegenheit aber egal, wenn sie irgendwann die Bar wieder eröffnen will, muss es ja wenigstens sauber sein. Der Lappen bringe ich wieder zur Theke, reinige ihn und hänge ihn zum Trocknen auf. Ich setze mich dann wieder auf die Bank und betrachte den Boden vor mir. Ja schon viel sauberer. Aber Alaska hat Recht, wenn sie meint, es wäre noch viel Arbeit, bis die Bar wieder eröffnen könnte, wenn ich mich im Schankraum so umsehe. Es wirkt nicht gerade verfallen aber auch nicht einladend genug, dass man sich als Gast wohlfühlen könnte. Ich strecke mich auf der Bank aus und lege den Kopf auf mein provisorisches Kissen. Gemütlich ist was anderes aber besser als ein karger Waldboden ist es alle male. Außerdem scheinen hier keine Verrückten, na ja, bis auf den Verletzten, dort drin, rumzulaufen. Aber irgendwas fehlt mir doch aber was? Ein richtiges Zuhause vielleicht? Dieses ewige Herumreisen ist eigentlich nichts für mich. Aber ob ich es mit diesem Kerl, hier, an einem Ort aushalten werde? Er pampt einen doch nur ständig an. Ob er immer so unfreundlich ist? Oder liegt es nur daran, dass er so starke Schmerzen hat? Alaska hat wohl ein dickes Fell, wenn sie es mit ihm hier aushält. Ich frage mich, wie sie sich kennen gelernt haben und ob sie vielleicht sogar zusammen sind. Das lässt mich wieder an Anna denken. Die Szene, die sie mir im Wald vorspielte. Ob es wirklich nur gespielt war, weiß ich ja allerdings nicht. Soll sie doch glücklich werden mit ihrem Elyas. Erst flirtet sie mit mir und dann steht plötzlich ihr Freund auf der Matte. Ich bin immer noch wütend, wenn ich nur daran denke. Wenn ich ausgeschlafen habe, werde ich Alaska ein bisschen über Anna aushorchen, sie scheint Anna, ja flüchtig zu kennen. Vielleicht kann sie mir etwas mehr über Anna erzählen. Interessieren würde es mich auf jeden Fall. Ganz aus dem Kopf geschlagen, habe ich mir das Mädchen noch nicht. Ich bin kein Typ der einfach aufgibt. Und wenn sie wirkliches Interesse an mir hat, wird sie diesen Typen verlassen, na ja vielleicht. Mit den Gedanken über diesen ereignisreichen Tag schlafe ich dann endlich ein. Die Müdigkeit hat über meinen grübelnden Verstand gesiegt.
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Alaska*
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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Do 2 Jul - 18:59

cf: Flavor's Soul (Alaskas Zimmer)

Sobald ich die Gänge entlanglaufe, überholt mich die Erschöpfung, als hätte jemand eine Betonplatte auf meinen Rücken gelegt, die mich nach unten drückt. Selbiges gilt für meine Augenlider. Die Wirrnisse des Tages und um Luca und Jona herum denken allerdings keinesfalls daran, mich ruhen zu lassen. Mir schießt in den Kopf, was Luca mir noch zugerufen hat, ehe ich gegangen bin. Er selbst weiß davon vielleicht gar nichts mehr. Dass ich mit ihm nicht über meine Herkunft gesprochen habe, ist wahrscheinlich auch besser so. Sonst hätte ich automatisch von Paris anfangen müssen, erzählen, wie wir in der Wohnung unserer berufstätigen Eltern gelebt haben und ebenso, wie ich meinen Bruder nach dem Virus verloren habe an Menschen, denen ich wohl nicht mal jemals persönlich gegenüber gestanden habe. Verloren an etwas, von dem ich nicht weiß, was es für ihn tut, ob es gut für ihn ist und ihm Hoffnung bietet oder...ob es ihn bereits ins Verderben gestürzt hat, ohne dass ich jemals davon erfahren werde. Ich könnte nach Tokio zurückgehen, mich auf die Suche nach ihm machen. Aber falls er nicht mehr lebt, wird es mit Sicherheit kein Grab geben. Keins, an dem man erkennen kann, zu wem es gehört. Diese Mühe macht sich nur noch selten jemand, viele mussten dem Tod so oft ins Auge blicken, dass sie ihn vielleicht weiterhin schlimm finden, jedoch viel schneller akzeptieren und ihr Leben normal weiterführen. Paris zu vergessen ist zugegebenermaßen aber nichts, das einem langfristig effektiv gelingt. Er hatte diese unverwechselbare Gabe, sich in die Herzen der Menschen einzuprägen und für immer eine Spur in ihnen zu hinterlassen, die kaum überschattet werden konnte. Er war der unverbesserliche Charmeur, der tollpatschig und selbstbewusst zugleich stets wusste, wann er was sagen musste, um das Richtige zu tun. Er war ein materieller Chaot, der es wiederum verstand, emotionale Fettnäpfchen zu umgehen oder sie so zu beseitigen, dass man sich kaum erklären konnte wie, nur fühlte man sich hinterher sehr viel besser. Nur mich hatte Paris nicht ändern können. Er mochte mich so wie ich war, wie ich bin, obwohl es ihm leid tat, welche Folgen das in Tokio mit sich zog und dass ich dort zur Einzelgängerin wurde. In gewissen Maß wollte ich es hingegen nicht anders, es war selbstgewählt, mehr oder minder. Deshalb ist es bis zum Schluss auch so geblieben.
Nur..hätte Luca von Paris erfahren, währe mein Schutzwall dahin gewesen. Mein Bruder ist eine meiner größten Schwachstellen, bei ihm kann ich nicht anders, als ins Schwelgen zu geraten, weil er der beste Bruder gewesen ist, den man sich hätte vorstellen können. Außerdem will ich vermeiden, eine solche Verbindung zu meinem Gast herzustellen. Möchte mir keine Kommentare über Paris anhören müssen, von jemandem, der nicht die gerinste Ahnung hat. Will nicht angreifbar werden.
Ich denke weiter über das nach, was Luca gesagt hat. Dass er Neuseeland nie verlassen hat zum Beispiel. Bei mir ist es auch nicht so, als wäre ich im Leben viel gereist. Doch durch meine beiden Wohnorte und deren Umkreise hat man so viel auf einmal geboten bekommen, so viele Nationalitäten auf einem Haufen gehabt, dass man sich auch wie woanders fühlen konnte, ohne einen weiten Weg zurücklegen zu müssen. In Little Italy konnte man einen Abstecher nach Europa machen, einen Hauch davon gewinnen, wie es dort wohl sein mochte. Es war eine ganz andere Welt, ich mochte es, den Italienern beim Reden zuzuhören, weil ich es schön fand, wie ihre Sprache klang. Manchmal stellte ich mir vor, wie es wäre zu verstehen, was sie sagen. Fragte mich, ob ihre Leben sich nicht nur anders anhörten, sondern ob sie trotzdem sie nicht so weit weg von mir wohnten, genauso anders waren, viel mehr als es normal der Fall war. Vermissten sie ihr Land oder war es in dem kleinen Teil New Yorks so ähnlich wie das Original geworden, das es genügte, um einen glücklich werden zu lassen?
In Chinatown sah es anders aus. Die Sprache war für Paris und mich nicht ganz so fremd, da sie vergleichbar mit Japanisch klang, was die Art der Aussprache allgemein anging. Vom Sinn her konnte man sich sogar einiges zusammenreimen, das niedergeschrieben stand, generell wurden Wörter aber unterschiedlich betont, sodass Gesprochenes dagegen für uns genauso fremd blieb wie für jeden anderen, der dem Chinesischen nicht mächtig war auch. Insgesamt bot Chinatown aber auch so vieles, dass man sich nie daran sattsehen konnte. Ich liebte es, gemeinsam mit unseren Eltern über die Märkte zu laufen, hatten sie sich mal Zeit für einen Familienausflug genommen, was nicht allzu oft vorkam, aber wenn doch, war es ein wahres Highlight. In Tokio später machte ich sowas allein. Streifte stundenlang umher, las in einem Park unter einem Kirschblütenbaum ein gutes Buch oder träumte einfach vor mich hin. Nie hatte ich es vor dem Virus gekannt, außerhalb der Stadt und des Trubels zu leben, womöglich hat die Zeit bei den Oceans darum so gut getan. Weil das, was ich an der Stadt früher toll gefunden hatte, nun in das Gegenteil umgeschlagen war. Weil die Märkte verwaist und zerstört worden waren, es leichtsinnig sein würde, sich ohne Begleitung noch vor die Tür zu wagen, geschweigedenn seelenruhig eine Geschichte zu lesen oder zu lernen, während um einen herum Krieg herrschte.
Luca war viel entgangen. Er wird nie so die Gelegenheit dazu haben, die Welt entdecken zu können, wie es vor dem Virus möglich gewesen ist. Und falls doch, wird es anders sein...
Meine Gedanken wandern weiter zu den Zoot-Spinnern, wie Luca sie genannt hat. Ein herzzerbrechender Satz drängt sich aus allem hervor.
Wenn diese Rebellen mich nicht befreit hätten, wäre ich auch noch da und es würde wohl auch Niemanden interessieren. Schließlich habe ich keine Familie mehr.
Ich kann ihn verstehen, weiß, wie es sich anfühlt, keinen zu haben, immerhin habe ich alles ebenso verloren und mein Tribe ist gegangen, obgleich ich sowieso nie eine enge Bindung zu jemandem dort hatte. Sich auf niemanden einzulassen heißt, sich keiner Gefahr auszusetzen. Aber es bedeutet ebenso, einsam zu sein, wenn man es womöglich anders wünscht. Keinen zu haben, sollte man jemanden brauchen, der einen einfach mal in den Arm nimmt, einem aufhilft, wenn du es nicht mehr schaffst, der an dich denkt, egal wo du bist...Das alles ist furchtbar komplex.
Um mich von diesen ganzen Einfällen und Gedanken abzubringen, folge ich dem Drang, in die Gänge zurückzugehen und in die anderen Räume zu sehen, um komplett auszuschließen, dass Katina noch hier ist. Doch natürlich ist alles leblos und unbewohnt, nur gefülllt mit Getränken und Unordnung. Nur nicht mit meiner flüchtigen Bekannten.
Wehmütig kehre ich in den Hauptsaal zurück. Auf einer der Bänke entdecke ich Jona, der ruhig schläft. Er sieht friedlich aus und das freut mich. Wenigstens er hat trotz der Tageszeit den Schlaf gefunden.
Ich gehe mir noch schnell etwas zu Trinken holen, schlendere danach zu der Bank, die der Theke am nächsten ist, weil ich nun endgültig k.o. bin und lege mich hin. Dabei vergesse ich sogar, die Bar abzuschließen und gleite stattdessen in einen Schlaf ab, in dem die Gedanken schweigen.

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Fr 3 Jul - 16:52

Langsam öffne ich meine Augen. Die Sonne kitzelt mich in der Nase und ich muss niesen. Hatschiii. Ich richte mich langsam auf. Die Erlebnisse der vergangenen Nacht spulen sich kurz in meinem Kopf ab. Anna und diese Typen und dann Alaska und der kranke Typ. Alles dreht sich in meinem Kopf. Ich sehe mich im Raum um und langsam kommt auch die Orientierung wieder wo ich mich befinde. Ach ja ich bin ja mit in diese Bar gegangen. Dunkel erinnere ich mich an die Vorfälle der letzten Nacht und an den Typen mit dem verletzten Bein. Und das ich mich von diesem Fremden hab anpampen lassen müssen, obwohl ich nur helfen wollte. Ich blicke in die Richtung, in der das Zimmer liegt, wo der kranke Junge schläft. Ob er wirklich schläft? Ich sehe mich weiter um. Alaska liegt dort auf einer der Bänke. Auch sie schläft. Es ist mucksmäuschenstill in der Bar. Nur von der Straße dringt der übliche Straßenlärm herein. Ich stehe auf und gehe Richtung Tresen, dabei fällt mir unter einem der Tische ein kleines zerknülltes Stück Papier auf. Ich bücke mich und hebe es auf. Ich entfalte es und überfliege die Zeilen kurz. Es ist unterschrieben mit Katina. Mmh ich kenne keine Katina. Ob Alaska damit was anfangen? Vielleicht ist Katina diese Freundin von der sie gesprochen hat? Dann wird ihr das hier nicht gefallen, wenn sie es lesen wird. Anscheinend ist sie wirklich gegangen und ihr Freund dort drüben wohl nicht ganz unschuldig daran. Aber ihren Streit sollen die mal alleine austragen. Geht mich schließlich nix an. Mein Magen knurrt. Dass ich den Fisch gegessen habe, ist auch wieder Stunden her. Ich huste. Ich versuche mich zu beherrschen, um Alaska nicht zu wecken. Sie schläft so friedlich. Einfach ist es nicht sich zu beherrschen, wenn man das Gefühl hat, jemand würde einem die Luft abdrücken. Ich lege den Brief auf dem Tresen ab und gehe zurück zu meinem Rucksack. Dort hole ich meine Wasserflasche heraus und trinke. Ein bisschen hilft es aber meine Lunge brennt. Ich packe die Flasche und meine Decke wieder in meinen Rucksack und setze mich. Ob sie hier was zu essen hat? Aber sie hat grade eh die Hände voll zu tun mit ihrem Freund dort drüben, da kann ich es ihr nicht auch noch zumuten, mir was von ihrem Essen zu geben. Vielleicht sollte ich mich selbst auf die Suche nach etwas Essbarem begeben? Aber wo? Die meisten Häuser sind seit dem Virus geplündert. Wo sucht man in dieser Stadt was zu essen, wenn man nichts zum Handeln hat? Ob ich Alaska wecken und sie fragen soll, vielleicht kennt sie sich hier besser aus als ich? Nein, lieber nicht. Sie braucht ihren Schlaf, wenn sie den Typen weiterversorgen will. Ich frage mich in welcher Beziehung sie zueinander stehen und ob der Junge immer so unfreundlich zu neuen Bekanntschaften ist. Aber er ist verletzt, kann ja auch an den Schmerzen liegen. Aber das Bein scheint wohl nicht sein einziges Problem zu sein. Wieso er mich nicht hören, konnte verstehe ich nach wie vor nicht. So leise habe ich doch gar nicht gesprochen. Er muss taub oder zumindest schwerhörig sein, denke ich mir. Obwohl ich kein Hörgerät bei ihm gesehn habe. Da fällt mir ein, dass ich ja noch die Batterien aus der Arztpraxis bei mir habe. Ich wühle in meinem Rucksack und finde sie recht schnell. Ich gehe wieder zu Bar, lege die Batterien auf den Tresen neben den Brief. In meiner Hosentasche habe ich einen Kuli und schreibe auf den Brief: „Danke für die Übernachtung. Liebe Grüße Jona“. Den Stift stecke ich wieder ein. Ich habe mittlerweile tierischen Hunger. Ich werde doch rausgehen und nachsehen, was ich organisieren kann. Ich nehme meinen Rucksack auf, blicke nochmal kurz auf die schlafende Alaska und verlasse dann die Bar.

tbc: Straßen der Stadt

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Fr 10 Jul - 16:51

Cf: Flavor's Soul (Alaskas Zimmer)

Ich betrachte die Tür und dann den Rahmen genauer. Ich hatte die Hoffnung, dass die Tür nach außen aufgehen würde. Mist. So wird es natürlich schwieriger. Sie geht nach innen auf. Ich hüpfe etwas zur Seite und öffne langsam die Tür. Aus dem Schankraum erklingt kein Laut soweit ich das sagen kann.
Ich schleppe mich auf meinem gesunden Bein, entlang der Wand, in den Schankraum. Mir ist bewusst, dass es höllisch wehtun wird, wenn ich jetzt fallen würde, da ich nichts habe um mich festzuhalten. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Es ist doch anstrengender als ich gedacht hätte. Ich bleibe kurz stehen und balanciere mich aus. Ganz schön wacklig. Ich hüpfe weiter. Am Ende des Flurs kann ich schon die ersten Tische erkennen. Besonders weit komme ich allerdings nicht weil mich die Kraft verlässt. Ich lasse mich auf den erst besten Stuhl sinken und wische wieder mit dem Handrücken über meine Stirn. Ich schwitze wie ein Schwein. Tja hättest halt liegen bleiben sollen. Luca, du brauchst Ruhe und musst dich erholen. Wie willst du mich sonst finden? Leah, meine Leah. Selbst in der Stille der Einsamkeit höre ich immer wieder deine Stimme. Ich sehe mich um Raum um. Der Typ scheint gegangen zu sein, jedenfalls liegt er auf keiner der Bänke. Alaska liegt nahe dem Tresen und schläft friedlich auf einer Bank. Ich stütze mich am Tisch ab und stehe vorsichtig auf. Langsam und leise bewege ich mich Richtung Tresen. Unweit der schlafenden Alaska setze ich mich auf einen Stuhl. Der Schweiß strömt mir aus allen Poren. Dann ist das Fieber doch noch nicht ganz weg. Sie sieht nett aus wenn sie schläft anders als wenn sie wach ist und einen mit ihren Sprüchen bombardiert. Ich blicke zum Tresen. Dort liegt ein Zettel oder so. Hat der Kerl ihr jetzt nen Liebesbrief geschrieben oder wie? Lieber wäre mir ein Abschiedsbrief aber egal. Irgendwas liegt dort aber noch. Aber es ist zu klein um es aus meiner Position zu erkennen. Ob sie bald aufwacht? Ich habe Hunger. Sollte ich sie wecken? Aber dann kann ich mir wieder was anhören. Blablabla. Na darauf habe ich jetzt erstrecht keine Lust, auf ihr blödes Gemecker. Wahrscheinlich nimmt sie es mir noch Tage übel, dass ich eins ihrer wertvollen Gläser kaputt gemacht habe. Wenigstens ist der Typ, wie hieß er noch Jano…. Jona, irgendwas in der Richtung glaube ich, auch egal, Hauptsache er kehrt nicht zurück. Sich hier als Wasserträger aufspielen, pah. Das mit dem Asthma hat er ihr sicher nur erzählt, damit er ihr Mitgefühl kriegt. Wie erbärmlich ist das denn? Ich räuspere mich aber Alaska bewegt sich nach wie vor nicht. Wahrscheinlich war ich zu leise. Ist aber auch ein Mist wenn man sich selbst nicht hört. Ich habe das glaube ich immer unterschätzt. Leah kam damit so gut zurecht und ich dachte weil wir Zwillinge sind, wäre das bei mir ähnlich aber es sieht gar nicht danach aus. Ich lege meinen Kopf auf meine verschränkten Arme, die auf dem Tisch ruhen. Die Kühle des Holzes tut meinem glühendem Kopf sehr gut. Es ist angenehm. Ich frage mich echt langsam wie lange sie noch schlafen will. Ich blicke Richtung Fenster. Es scheint bald Abend zu werden. Die Dunkelheit zieht langsam auf. Dann fällt mein Blick auf die Eingangstür. Sie steht sperrangelweit offen. Oh na super der Trottel hat die Türe offen stehen gelassen. Hoffentlich ist kein anderer auf die Idee gekommen die Bar als sein Eigentum zu erklären. Offene Türen ziehen Spinner meist an wie ein Misthaufen Fliegen. Was soll ich tun, wenn sich ein Schläger hierher verirrt? In meiner Situation bin ich doch so gut wie jedem schutzlos ausgeliefert. Ich sehe auf Alaska. Sie schläft immer noch. Mensch, Frau steh auf, hier könnte jede Minute irgendwer reinspazieren. Gibt genug unangenehme Typen da draußen.
Ich lasse meinen Kopf dann wieder auf meine Arme sinken. In dieser Position schlafe ich wieder ein, so ungemütlich sie auch scheint. Der kurze Weg von Alaskas Zimmer in den Schankraum hat mich ziemlich mitgenommen und fast bereue ich, dass ich überhaupt aufgestanden bin. Die Kraft, um zurück ins Bett zugehen, fehlt mir aber komplett also bleibe ich vorerst hier sitzen und schlafe.

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Fr 10 Jul - 19:10

Es ist ruhig. Meine Nachtruhe verschafft mir - obwohl sie nicht in der Nacht stattfindet, dabei ist es durch die Folien an den Barfenstern auch am Tag hier im Saal dunkel - das, was ich brauche: Erholung, nicht geplagt von Schreckgespenstern aus Erinnerungen oder Sorgen um die beiden Männer, die so verschieden sind. Und auch Überlegungen an Katina lassen mich in Frieden, Gedanken an das Mädchen, mit dem ich mich seit langem so schnell gut verstanden habe, dass wir Freundinnen hätten werden können. Doch ihr Lebensweg hat sie woanders hingeführt, weg von hier, ob das nun Luca zuzuschreiben ist, der sie nicht sehr dankbar behandelt hat oder etwas anderem. Solang sie es freiwillig gewählt hat, muss ich das so akzeptieren und wünsche ihr nur das Beste. Falls nicht, ein Entführer hätte sich bestimmt nicht mit ihr allein zufrieden gegeben und die ganzen Sachen in den Lagerräumen außer Acht gelassen, oder? Dass die Bar nicht unbewohnt ist und er oder sie nicht an einem späteren Zeitpunkt zurückkehren kann, um sich den Rest zu holen oder mich gar zu erpressen, muss doch sichtbar sein! Bei meiner Durchsuchung bevor ich schlafen gegangen bin, habe ich jedenfalls keine Spuren davon gefunden, dass wer hier gewesen ist, der herumgewühlt oder das, was ich bereits in Ordnung gebracht hatte, wieder zerstört hat. Ich bin zwar nicht mehr komplett auf der Reihe gewesen, aber bemerkt hätte ich es bestimmt. Genauso, wie ich nun, wo ich von der Tiefschlafphase in den sonderbaren Zustand zwischen Wachsein und Traumzustand überzugehen scheine, da die Gedanken wieder lauter werden, durch meinen Kopf surren wie wilde Bienen. Zusammen mit dem unangenehmen Empfinden, das man hat, wenn man unwissend beobachtet wird.
Ich beschließe, nicht überhastet zu reagieren, da ich nicht weiß, mit wem ich es zu tun habe, mit einem meiner Gäste oder jemand...Neues, Unbekanntes. Darum atme ich ein paar Sekunden lang normal weiter, ohne mich zu rühren, bis ich schließlich zunächst vorsichtig träge das eine und danach mein zweites Auge öffne und sie durch den Raum gleiten lasse. Oder wenigstens durch den Teil, den ich in meiner Position einsehen kann. Da ist der dicke hölzerne Fuß des Tisches, der zur Bank gehört, an der gegenüberliegenden Wand die Bühne. Also lausche ich und höre nur Stille, irgendwo das Atmen eines anderen Menschen, den ich ohne ihn zu sehen als Jona identifiziere, immerhin hat er den Raum mit mir geteilt. Und abrupt schwindet das Gefühl, angestarrt zu werden, was seltsam ist, weil ich nichts Ungewöhnliches höre, keine Schritte, die sich entfernen oder ein anderes Geräusch, das eine Bewegung verraten würde. Zögernd richte ich mich auf, mein Körper fühlt sich gut an. Meine Schultern sind nicht so verspannt, wie ich es erwartet hätte, nachdem ich die schweren Kanister durch den Wald getragen und auf einer Sitzbank geschlafen habe, statt in meinem Bett. Ich habe das Bedürfnis, mich zu strecken, doch unterlasse es, blicke erneut suchend durch den Saal. An meinem Tisch in der Nähe bleibt mein Blick an...Luca hängen, der seinen Kopf auf die verschränkten Arme gestützt hat.
Was macht er hier? Hat er sich so gut kuriert, dass er wieder selbstständig laufen kann und die Wahnvorstellungen gegangen sind? Wie..wie lange ist er bereits hier? Und was ist mit Jona?! Die Fragen sammeln sich in meinem Kopf. Einerseits bin ich erleichtert darüber, dass ich keinen weiteren ungebetenen Besucher hier habe, andererseits verwirrt mich Lucas Anwesenheit in meiner Nähe sehr, gerade nach dem, was gestern geschehen ist, sein Moment des Wandels, als er die Sprüche einmal hat ruhen lassen, mich darum bat zu bleiben und sich sogar entschuldigt hat. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Ohne zu riskieren, meinen unfreiwilligen Patienten zu wecken, der in diesem Zustand faszinierend unschuldig aussieht, kein Stück so, als würde er diesen ganzen Hass auf seine Eltern und die Schuldzuweisungen am Tod seiner Schwester in sich tragen, schiebe ich mich von der Sitzbank der Bar in den Stand. Die schwarze Folie, die nach innen wie ein Spiegel aussieht, gibt meine Silhouette verzerrt wieder. Zu beschmutzt sind die Scheiben.
Ich schaue zu der Bank, auf der Jona sich ein Lager improvisiert hatte und sehe nichts. Er ist weg. Ob es eine Auseinandersetzung zwischen den Jungen gegeben hat? Als ich auf die Eingangstür schaue, steht sie offen.
Verdammt, ich habe nicht daran gedacht, sie zur Sicherheit abzuschließen! Hier hätte während wir alle hilflos im wehrlosen Zustand gewesen sind, wirklich alles geschehen können. Wir können von Glück reden. Ich muss wirklich gewissenhafter werden, egal wie kaputt ich mich fühle, rede ich mir sauer auf mich selbst zu. Gehe lautlosen Schrittes zur Tür, um sie zu zu machen, nimmt etwas auf dem Boden meine Konzentration in Anspruch. Ein paar Konservendosen sind zu einer Pyramide gestapelt worden. Genau so, wie in den Einkaufszentren früher. Da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben, es scheint nicht so, als wäre es bloß ein rasches Zwischenlager. Jemand in Eile hätte auch..keine Krücken mitgebracht. Ob das ein Abschiedsgeschenk und gleichzeitig eine Entschuldigung von Jona ist, weil auch er nicht mehr helfen können wird in der Bar und es ihm leid tut? Wehmut durchzuckt mich, weil so etwas für mich noch nie jemand gemacht hat, mir so bereitwillig beigestanden, sowohl im Wald mit dem Wasser als auch jetzt noch. Dabei war ich durch meine Sorge um Luca echt nicht besonders zuvorkommend zu Beginn. Trotzdem macht er sich nicht wortlos aus dem Staub, sondern überlässt Luca und mir Vorräte und...Gehhilfen, obgleich mein Gast so harsch zu ihm gewesen ist. Ich nehme die Sachen an mich, schließe die Tür, um nicht unnötig mehr Aufmerksamkeit zu erregen und gehe mit den Sachen an die Bar, um mir alles genau anzuschauen. Der Drang danach, den netten Jungen noch mal wieder zu sehen, webt sich mit in das Grübeln über Lucas Benehmen. Mit so Dingen kann ich nur wenig anfangen, dazu bin ich zu distanziert in der Gefühlswelt zu Menschen. Umso mehr bringen solche aus dem Rahmen fallenden Ereignisse alles zum Wanken.
Als ich die Dosen auf die Theke stellen möchte, liegen dort zwei Zettel, ein ziemlich zerknitterter, der glatt gestrichen worden ist so gut es ging, ein etwas kleinerer und außerdem...ein Päckchen mit winzigen Batterien. Ich fühle mich, wie von einer Fee besucht, die die offene Tür genutzt hat, um mir etwas Gutes zu tun. Dabei will sich jeder sonst immer nur etwas nehmen, rauben und sich selbst bereichern, um zu überleben oder auch die Nachteile anderer zu seinem Vorteil zu machen.
Eine der Notizen ist in der Tat von Jona. In einer schrägen, etwas eingerostet wirkenden Schrift, die man eindeutig einem Jungen zuordnen könne, steht dort ein Dank für die Obhut in der Nacht. Dabei ist das, womit er sie entgeltet hat so viel mehr. Allein die Geste. Von Paris hätte er nun größten Respekt verdient, von mir ebenso.
Der andere, zerknitterte Zettel, ist ein etwas längerer Abschiedsbrief als der von dem jungen Mann. Er ist von Katina.

Liebe Alaska.

Es tut mir leid, diese Zeilen nun schreiben zu müssen. Genauso wie ich mich auch dafür entschuldige, zu gehen, während du dich draußen mit was auch immer herumschlägst und ich es eigentlich nicht über mich bringen kann, den seltsamen Typen seinem Schicksal zu überlassen. Obwohl ich es wegen dir mehr bereue, denn du bist sehr nett zu mir gewesen, später zumindest. Ich hoffe, du hast geschafft zu finden, was du suchen wolltest und bist in die Bar zurück gekommen. Du musst mir glauben, ich habe dem Typ nicht den Tod gewünscht. Aber ich musste weiter und wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Vielleicht kannst du mir verzeihen, obgleich ich dir keine zufriedenstellende Erklärung bieten kann für das, was in im Begriff bin zu tun.

Ich wünsche dir alles Gute für die Bar, womöglich verschlägt es mich eines Tages zu ihr und dir zurück und ich kann dir für die Blüten deiner Arbeit gratulieren. Nur ist es nicht für mich bestimmt, dabei zu helfen, sie zu säen. Das musst du verstehen.

Liebe Grüße,
Katina


Ihre Worte rufen keinen Groll in mir hervor. Ich habe auch vor dem Lesen des Briefes, ehe ich überhaupt von dessen Existenz wusste, akzeptiert, dass die junge Frau mich verlassen hat, trotz ihrer Zusicherung. Auf Luca möchte ich die Verantwortung dafür nicht schieben. Letztendlich wusste ich nicht, was sie noch so in der Stadt geplant hatte und es war viel erwartet gewesen, sie hier festzuketten, nur damit sie auf einen mürrischen Verletzten aufpasst. Auch wenn ich es nie über mich gebracht hätte, jemanden allein zu lassen, der deshalb aus dem Leben scheiden könnte. Andererseits, durch den Virus haben wir so viel Tod gesehen, da geht man damit möglicherweise nun anders um als man es früher getan hätte...
Ich falte beide Blätter sorgfältig und stecke sie in eine der Taschen der Jeans, die ich gerade trage, zusammen mit einem weißen Shirt, das mir meine Mutter einmal zum Geburtstag geschenkt hatte. Seitdem war es mein liebstes Oberteil gewesen und ich bin glücklich darüber, es immer noch zu besitzen.
Tiefere Gedanken an die Nachrichten unterbinde ich, ich muss es so hinnehmen und will mich nicht davon runterziehen lassen. Darum schaue ich mir die Dosen an. Sie enthalten Sachen, die man essen kann, ohne es zwingend kochen zu müssen, denn einen Gaskocher habe ich hier soweit ich weiß nicht und ein Feuer zu machen kommt kaum in Frage. Wie auf Kommando beginnt mein Magen beim Anblick der Nahrung zu rumoren. Ich schnappe mir eine Dose Spaghetti mit Tomatensoße, was nicht sehr appetitlich aussehen wird, doch darum geht es nicht. Bei dem anderen Besteck und den Gläsern hat sich auch ein Öffner befunden, mit dem ich den Deckel abmache und mit einer Gabel umschlinge ich ein paar der Nudeln. Diesen Geruch habe ich schon ewig nicht mehr vernommen. Er erinnert an Kindertage, an denen Pizza, Spaghetti und Bagel, später in Japan auch Sushi und andere Nudelgerichte, sowie Bentos, Lieblingsgerichte waren. Als ich die Nudeln in den Mund stecke, schließe ich die Augen, um mich im Geschmack zu verlieren und im Damals, als alles in New York noch gut gewesen ist.

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Sa 11 Jul - 23:56

Um mich herum nehme ich eine Bewegung wahr, die mich hochschrecken lässt. War da doch ein Einbrecher? Was heißt Einbrecher? Immerhin steht die Tür sperrangelweit offen. Von einbrechen kann da nicht wirklich die Rede sein. Wenn wir jetzt überfallen werden, ist dieser Jona schuld. Ich wusste von Anfang an, dass das ein Trottel ist und er nichts taugt aber Alaska will mir ja nicht zu hören. Ich rede ja nur dummes Zeug in ihren Augen. Das hat sie nun davon. Ich öffne schlagartig die Augen. Ich sehe erst zur Tür. Die ist plötzlich zu. Wer hat die zugemacht? Wie lange habe ich denn schon wieder geschlafen? Ich bin…ich bin im Schankraum. Ich taste mit den flachen Händen auf dem Tisch vor mir herum. Dann blicke ich mich verwirrt um. Wie komme ich hierher? Und ich bin anscheinend nicht allein. Vorsichtig sehe ich mich nochmal um. Am Tresen steht Alaska und isst. Oh wie schön, dass sie auch an andere denkt. Alter, reg dich ab, immerhin hat sie dir schon das Leben gerettet. Ohne sie wärst du gar nicht mehr hier. Aber bin ich wahrhaftig dankbar dafür? Ich meine klar, ich habe mich bei ihr bedankt, das gehört sich immerhin so aber…bin ich es wirklich? Ich bin allein. Und meine Sprüche sorgen dafür, dass ich es immer bleiben werde. Meine Familie ist tot oder lebt was weiß ich, wo Luke, sich gerade aufhält. Außerdem schmerzt mein verfluchtes Bein wie blöd. Ob ich je wieder normal laufen können werde, weiß ich auch nicht mal. Was soll ich mit so einem Leben anfangen? Mal abgesehen davon, dass ich, in nicht absehbarer Zeit nichts mehr hören können werde. Wenn mans genau nimmt, hat sie mich eigentlich ganz schön reingeritten. Ich könnte längst wieder mit meiner Schwester vereint sein. „Ich bin nicht tot.“ Wer redet da? Höre ich jetzt schon wieder Stimmen? „Leah bist du das?“ Ich sehe mich wieder um aber ich kann niemanden entdecken. Ich stütze meinen Kopf in meine Hände und reibe mir die Stirn an den Seiten. Dann reibe ich mir mit den flachen Händen den Schlaf aus den Augen. Mist, was mache ich jetzt nur? Ich kann doch nicht ewig in dieser Bar versauern. Ich schiebe den Stuhl zurück und stütze mich mit den Händen ab. Aufstehen. Ich will aufstehen. Aber es geht einfach nicht. Ich glaube, so muss sich Blake gefühlt haben, als ihm die Ärzte gesagt haben, dass er nie wieder laufen können wird. Jetzt übertreibst du aber, Alter, mach mal nen Punkt. Das kann man nicht miteinander vergleichen, nicht mal im Entferntesten. Du kannst laufen. Gönn  deinem Bein mal ein bisschen Ruhe und latsch nicht immer durch die Gegend. Gewissen, halt deinen Rand. Da will man helfen und das ist der Dank. Typisch Luca. „Luca, er hat Recht. Du brauchst Ruhe.“ Ich sehe neben mich, greife mit der Hand nach ihrer aber sie geht durch sie hindurch. „Leah?“ Werde ich jetzt wahnsinnig? Bin ich verrückt geworden?  „Ich bin es. Deine Leah. Ich bin eine Erinnerung oder eher dein Schutzengel. Ich passe auf dich auf. Das haben wir uns versprochen vor dem Virus. Weißt du noch?“ Ihre braunen Augen funkeln. Ich kann Tränen in ihren Augen glitzern sehen. Es tut mir weh mehr als jeder körperliche Schmerz, sie so zu sehen.
Einzelne Tränen zeigen sich auf meinen Wangen.„Ja, das weiß ich noch. Ich habe deine Kette immer bei mir.“ Ich berühre das kleine silberne L an meinem Hals und lasse es durch meine Finger gleiten. Sie berührt meine Wange mit ihrer Hand, auch wenn ich es nicht spüren kann. „Siehst du. Ich lasse dich nicht allein. Ich halte mein Versprechen. Wir sehen uns wieder, Bruderherz.“ Sie lächelt und zwinkert mir zu. „Leah, wo bist du? Du fehlst mir.“ Ist das alles überhaupt real? Wie kann ich mir ihr reden wenn sie doch so weit weg ist?
„Ganz in deiner Nähe.“ Sie deutet mit ihrem Zeigefinger auf mein Herz. Es ist als wenn ich die Berührung, die eigentlich keine ist, spüren könnte. Ein Stich in meinem Herzen. „Dort drin. Da werde ich immer sein. Auch wenn du mich nicht siehst.“ Sie macht mich wütend.
„Das reicht mir nicht. Ich brauche dich. Du bist ein Teil von mir.“ schreie ich sie an. „Luca, beruhig dich. Du bist krank. Du musst dich ausruhen. Wie willst du sonst zu Kräften kommen? Du willst mich doch weitersuchen oder?“ Sie sieht traurig aus. „Ja natürlich, will ich das. Aber wie und wo?“ bringe ich im verzweifelten Ton hervor. „Die Stadt ist viel zu groß. Wie soll ich da finden?“ Sie sieht mich ermutigend an. „Du wirst mich finden. Ganz sicher.“ Sie nickt mir zu. „Ich weiß, dass du es kannst. Mein großer Bruder passt immer auf mich auf. Das waren deine Worte im Alter von 12. Kannst du dich erinnern?“ Ich nicke. „Natürlich kann ich das. Wie könnte ich das vergessen? Du kamst nach Hause und hast schrecklich geweint. Als ich wissen wollte, was los wäre, hast du mich angeschrien und gesagt, du würdest nie wieder im Leben tanzen wollen.“ Meine Unterlippe zittert. Ich sehe Leah an. „Ich war vollkommen aus dem Häuschen weil ich nicht wusste, was passiert war und ich nicht damit klar kam dich so herzzerreißend weinen zu sehen.“
Sie drängt mich. „Erinnere dich weiter. Was hast du dann getan?“ Sie sieht mich direkt an. Ihre Gesichtszüge zeigen keinerlei Regung. Auch wenn sie mit den Tränen zu kämpfen hat. Ich kann hinter ihre Maske der Gleichgültigkeit blicken. Ich sehe dort wieder, das kleine, verletzte Mädchen, das sie einst gewesen ist. Ich zittere aber gleichzeitig lähmt mich die Angst. Ich kann mich nicht bewegen. Mein Herz schlägt im zehnfachen Tempo. „Ich will mich nicht erinnern.“
Ihre Miene zeigt plötzlich Wut. „Du musst aber. Sprich weiter. Na los.“ Ihre Stimme wird energischer.  „Ich habe dir gesagt, dass so lange ich da bin und ich auf dich aufpasse, dir kein Mensch ein Leid zufügen kann….“ Ich breche ab. „Ich kann nicht. Hör auf damit.“ Sie schweigt und macht mich wahnsinnig wütend damit. „Ich will das nicht. Ich habe versagt. Ich bin eine Niete“ Meine Stimme erhebt sich. „Du hast nicht versagt.“ „Doch ich habe versagt. Ich bin dein Bruder. Dein Zwilling. Es ist meine Pflicht auf dich aufzupassen. Und ich habe es vergeigt. Und du hast mit dem wertvollsten Besitz, den ein Mensch haben kann, dafür bezahlt….“ Meine Stimme versagt wieder. Schweigen macht sich zwischen uns breit. Ich blicke auf meine Hände, nur um sie nicht ansehen zu müssen. „Ich bin an allem schuld.“ sage ich leise als ich meine Stimme wieder gefunden habe. „Ich habe dir versprochen, dich vor allem Übel zu beschützen, dass dir keiner ein Leid zufügen kann, habe ich gesagt. Mir wird gerade bewusst was für ein Idiot ich war, als ich dir mein Wort darauf gab.“ Ich atme tief aus und wieder ein.
„Glaub mir, du hast dein Bestes gegeben.“
Ich glaube ihr kein Wort. Ich bin über mich selbst enttäuscht. Den Silberstreif am Horizont kann ich nicht sehen.  „Ich bin der größte Versager der Welt. Dieser Mistköter hätte mich lieber töten sollen. Dann müsste ich jetzt nicht mit diesem Schmerz leben.“ Total in meiner Depression gefangen, bemerke ich gar nicht wie Leah näher an mich heranrückt. „Du versuchst vor dir selbst zu fliehen.“  Sie spricht mit einem Mal lauter.
„Nein.“
Ihre Stimme nimmt einen ernsteren Ton an. „Doch. Du versuchst dich aus der Affäre zu ziehen, indem du dir selbst für alles die Schuld gibst. So einfach ist das nicht. Ich bin du. Und du bist ich. Du kannst nicht vor dir selbst fliehen.“
Ich streite es weiterhin ab. Sie hat ja keine  Ahnung, wie ich mich gerade fühle.

„Das ist nicht wahr.“ sage ich vehement.
Doch Lucas. Es ist wahr. Sieh es doch endlich ein. Du konntest nichts für mich tun. Du warst selbst eingesperrt.“ Ich schüttele langsam mit dem Kopf. „Du willst dich selbst als Versager betrachten. Habe ich Recht? Und das nur um eine Erklärung für den Lauf des Schicksals zu haben.“ Ich schweige. Ich weiß, dass sie Recht hat. Tief in meinem Inneren weiß ich das und will es aber nicht wahrhaben. „Das Schicksal was uns beide auseinander gerissen hat.“
„Es hatte kein Recht dazu.“ sage ich abgestumpft, währenddessen blicke ich auf eine besonders dunkele Stelle, im Holz des Tisches. Es zerfetzt mir das Herz, wenn ich sie noch länger so ansehen muss und dabei weiß, dass sie nicht wirklich bei mir sein kann. „Das Leben fragt dich aber nicht. Es hat noch nie einen Menschen gefragt, wenn es plötzlich die Richtung geändert hat.“ Meine Finger streichen über den Punkt im Holz. Er fühlt sich rauer als der Rest des Tisches. Ein Brandfleck? „Lucas?“ Ihre Stimme dringt in mein Innerstes. „Ich heiße nicht Lucas.“ schnaube ich. „Doch. Ob es dir gefällt oder nicht. Du bist Lucas.“
Lucas, pah, wie ich diesen Namen hasse. Schon immer. Ich bin Luca.

„Ok. Ich habe dir versprochen für dich dazu sein. Und dich in meinen Armen gehalten. Du hast langsam aufgehört zu weinen. Ich habe deine Tränen getrocknet, obwohl dein Schmerz meinem Herzen jedes Mal aufs Neue einen Stich versetzt hat. Auch auf der Ladefläche des Transporters habe ich dir versprochen, dass uns niemand trennen könnte. Ich habe gelogen, sieh doch. Wo bin ich und wo bist du?“
Ihre Maske bricht. Die ersten Tränen fließen über ihr Gesicht. „Du hast nicht gelogen.“ Dann fallen die Tränen wie Regentropfen an einem Regentag, über ihr Gesicht  Wie kann sie mich eigentlich verstehen? Ich rede doch viel zu schnell. „Ich bin dein Schutzengel. Schon vergessen? Ich bin nur das Abbild deiner Schwester.“ Die Tränen versiegen langsam aber sie glitzern noch auf ihrer Haut.  „Warum quälst du mich dann mit Erinnerungen an sie?“ sage ich herzzerreißend und haue mit der Faust auf den Tisch. Ein Tränenmeer ergießt sich über meine Wangen. Jungs weinen nicht. Hör sofort auf damit. „Doch auch Jungen dürfen weinen.“ meint das Leah-Abbild zu mir. „Ich quäle dich nicht mit Erinnerungen. Dein tiefstes Inneres will Leah nicht vergessen.“ Die Hand der Leah-Erscheinung berührt mein Herz. Diesmal spüre ich es. „Da drin ist deine Leah. Dein Herz liebt sie immer noch und vergisst sie auch nicht. Es ist dein Verstand der sich dagegen sträubt. Dein Herz wehrt sich dagegen mit aller Macht. Lass den Schmerz raus. Sprich mit einem Freund darüber Dann wird es dir besser gehen.“ Sie lächelt. Auch wenn sie nicht meine Leah ist, hat die Erscheinung doch ihr Lächeln. Ihre funkelnden und strahlenden Augen. Die Wärme, die Liebe und Lebensfreude, die ich in ihren Augen erkennen kann. „Ich habe keine Freunde.“ sage ich mit ernüchterter, brüchiger Stimme. „Ich werde bald auf der Straße sitzen. Das Mädchen, welches hier wohnt, schmeißt mich sowieso raus.“ Die Leah-Erscheinung sieht mich fragend an. „Warum? Was hast du denn getan, um das zu verdienen?“ Ich senke meinen Blick, bevor ich spreche, da ich nun weiß, dass sie nicht meine Schwester ist, muss ich sie während des Sprechens auch nicht mehr die ganze Zeit ansehen.  „Ich war ein Arsch. Ihre beiden Freunde habe ich auch vergrault mit meinem miesen Benehmen.“
Ich verhake meine Finger ineinander und drehe meine Daumen.
„Dann entschuldige dich doch. Das kannst du doch.“ Ich hebe den Blick wieder.
„Ich glaube damit ist es nicht getan. Ich habe es bereits versucht, mich zu entschuldigen.  Sie hat sich über mich lustig gemacht. Das wars.“
„Dann hast du dir keine Mühe gegeben!?“ Es klingt fast wie eine Frage für mich. „Doch. Ich habe es ernst gemeint. Sie bedeutet mir etwas. Ich mag sie wirklich……..sehr sogar.“ sage ich mit fester Stimme. „Dann zeig es ihr doch. Lass es sie spüren, was sie dir bedeutet. So wie du es mich immer hast spüren lassen. Zeig ihr den liebenswerten und gefühlvollen Lucas.“ Mein skeptischer Blick verfestigt sich. „Das kann ich nicht.“ erwidere ich erbost. „Diesen Luca wird sie nie zu sehen bekommen.“ Ich kann mir schon bildlich vorstellen, wie Alaska diesen Luca verspotten und auslachen würde. Diese Blöße werde ich mir nicht geben. Niemals. Das werde ich mit aller Macht verhindern können.
„Warum weil du Angst vor ihrer Reaktion hast?“ Ich wende meinen Blick ab und nicke vorsichtig. Ich höre sie lachen. Und sehe sie wütend an. „So gut kennst du sie doch gar nicht oder?“ Wohl eher eine rhetorische Frage, denn sie redet einfach weiter ohne eine Antwort abzuwarten. „Woher willst du denn wissen wie sie reagiert? Lern sie doch erstmal besser kennen, bevor du dir ein endgültiges Urteil fällst.“ Ich weiß darauf nichts zu antworten. Vielleicht hat die Traum-Leah recht, vielleicht aber auch nicht.
„Möglicherweise hast du sogar recht…..“ murmele ich vor mich hin. „Ich muss jetzt gehen aber wir sehen uns wieder, wenn du willst in deinen Träumen. Es ist Zeit aufzuwachen.“
Ich strecke die Hand nach ihr aus. „Nein, bitte geh noch nicht.“ Ich will nicht wieder allein sein. Sie ergreift sie, aber sie ist eiskalt. Keine menschliche Wärme, die meinen Körper durchdringt, nur Kälte, ewige Kälte. Ich ziehe meine Hand wieder zurück und sehe sie mit festem Blick an. „Ich mache das wieder gut. Ich verspreche, dir wenn du noch lebst, werde ich dich finden und wenn es das letzte ist, was ich tue.“ Mein Schutzengel lächelt. „Ich weiß, dass du das kannst. Lucas. Bis bald.“ Ich sehe meinem Schutzengel hinterher, wie sie den Raum durch die Tür verlässt. Dann ist es ruhig.....

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   So 12 Jul - 21:53

Der Klang eines Namens, der für mich erst mal keinen Sinn macht, lässt mich wieder meine Augen öffnen. Die Träumereien über mein vergangenes Leben in New York noch im Hinterkopf. Es ist Luca, der spricht. Dabei liegt sein Kopf noch fast an der selben Stelle wie als ich mich in meine Erinnerungen hab treiben lassen, er scheint zu träumen und dabei aber nicht lediglich in seiner Vorstellung zu reden. So etwas habe ich noch nie erlebt. Nur darüber gelesen, über Menschen, die nachts ganze Reden halten, im Unterbewusstsein Dinge erzählen, die sie sonst hinter Mauern verstecken oder über die sie sich so nie trauen würden zu sprechen. Es gab Bücher darüber, Erfahrungsberichte und am meisten haben mich die von den Leuten interessiert, die im Schlaf in ein vermeintlich früheres Leben zurückkehrten, als hätten sie bereits einmal auf der Erde existiert. Dann führten sie Konversationen mit ehemaligen Bekannten, gingen im Traum Tätigkeiten nach, die mit denen im richtigen aktuellen Leben nichts gemein hatten und es gab sogar Portraits über Personen, die ermordet worden waren, ohne dass es aufgeklärt werden konnte, bis sie selbst die Hinweise zu ihrem eigenen Ableben schilderten, sowohl den Tatort aus auch den Platz, an dem ihre sterblichen Überreste begraben worden waren, den Polizisten nennen konnten. Und auch das wichtigste an allem: Sie konnten nennen, wer dafür verantwortlich war.
Ich wusste nicht ganz, ob ich es faszinierend oder beängstigend finden sollte, entschied mich dann letztendlich für die positive Seite. Die Wissenschaft konnte vieles ergründen und ich war meistens sehr rational veranlagt, einige Dinge brauchten meiner Meinung nach allerdings keine Erklräung, weil sie so wie sie waren ein Wunder darstellten, ohne die die Welt viel farbloser wäre. Mein Bruder Paris hatte mich das gelehrt. Und er hatte Recht behalten, seine Gedankengänge nachzuempfiden hatten mich sehr oft glücklich gemacht und dazu gebracht, über den Tellerrand von allem hinauszublicken, statt bloß in der erklärbaren Suppe zu verweilen.
Das was sich durch Luca gerade vor mir bietet, sehe ich still und regungslos mit an, wie einen Film. Er ist in einer Dimension gefangen, in der er sich mit...seiner Schwester - Leah hieß doch seine Schwester, wegen der er sich schuldig fühlt? - unterhält, was ihn so mitzunehmen scheint, dass sich...kleine Tränen ihre Wege über sein Gesicht bahnen. Es ist komisch, ihn weinen zu sehen. So hilflos, wie ein kleiner Junge, der er in seinem Inneren irgendwo hinter der ganzen Fassade wohl auch ist. So wie in meinem Zimmer, als er so...anders gewesen ist, möchte ich ihn trösten, ihm beistehen, mein Körper bleibt aber wo er ist, an der Theke, die Dose offene Nudeln in meiner Hand. Luca bewegt sich umso mehr, seine Finger umfassen eine Kette. Er fleht seine Schwester darum an, zu ihm zu kommen, murmelt, dass er sie vermisst und mir wird ganz flau. Alles, was ich jemals in meinen Tagebüchern an Paris in Briefform geschrieben habe, durchfleucht meinen Kopf. Ich weiß, wie es ist, ein Geschwisterteil zu verlieren, im Ungewissen darüber zu sein, wo es sich befindet und was er oder sie gerade macht. So oft habe ich bereits darüber nachgedacht, mir Möglichkeiten gezeichnet, ich werde dessen nie abtrünnig. Mein Herz reagiert auf Lucas Worte, vor meinem inneren Auge sehe ich meinen Bruder, sein Lächeln, seine Augen, seinen unverwechselbaren Kleidungsstil, der schon immer sehr individuell gewesen ist. In meinen Ohren hallt jedoch Lucas Stimme wider statt die meines eigenen Bruders. Er sagt etwas übers Tanzen und ich glaube mich verhört zu haben. Das Tanzen ist meine eigene große Leidenschaft, mit dieser ich einen geraume Platz in meinem Leben gefüllt habe und vor dem Virus träumte ich davon, es ganz nach oben zu schaffen. Nicht des Ruhmes wegen, mir war es gleichgültig, ob nur die Eltern der anderen Leute aus meiner Gruppe im Publikum saßen, um sich eine Vorstellung, die wir mit Mühe und Spaß einstudiert, neu interpretiert oder selbst kreiert hatten, anzuschauen oder hoch angesehene Preisrichter, die jede Bewegung auf die Goldwaage legten. Ich war stolz auf mich, wenn ich Preise gewann, die mein Vater selten zu Gesicht bekam und meine Mutter sie nicht so begeistert anerkannte, wie ich es mir zunächst gewünscht hätte, als ich noch nicht daran gewöhnt gewesen bin, dass unsere Eltern diesen Titel zwar trugen, sich aber nicht mehr wie welche benahmen und ihm gerecht wurden. Zumindest mag es bei anderen so angekommen sein. Ich liebte beide trotzdem. Dass Lucas Schwester auch getanzt hatte, tifft mich noch mehr, da es die ganze Sache noch echter wirken ließ. Als wäre er Paris und würde über mich philosophieren. Ich hatte zwar nie vor, den Tanz an den Nagel zu hängen, das habe ich selbst jetzt nicht, denn ich werde es wieder vor Publikum machen, eines Tages. Wäre die Besitzerin der Bar noch da, würde ich es vielleicht sogar schon tun. Auf meine Art.
Dann schwingt alles wieder um. Luca verliert sich in Vorwürfen, sein Gesicht ist verzerrt von jeglichen Empfindungen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. So sehr gefangen war ich darin noch nie, habe es bloß aus der Ferne bei anderen beobachtet oder in Filmen gesehen und nun...Es bringt mich aus meinem Konzept. Besonders gravierend wird es, als es zu der Stelle kommt, an der Luca sich offensichtlich seiner Gefangennahme entsinnt. Als es auf den Tisch kam bei unserem Disput hier, habe ich mich beherrschen können und nicht mein Gesicht verloren. Die Szenerie so indirekt noch mal mitzuerleben, während Luca nicht weiß, dass ich hier bin und nichts beschönigt oder cool darstellt, um sein Image beizubehalten, ist vollkommen anders. Es jagt mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken und ich sehe die Transporter vor mir, höre das Sirenengeheul der Autos in Japan in meinen Ohren und die Parolen, die die Gangs durch die Straßen gebrüllt haben. Die Panik ergreift meinen Körper, dabei habe ich gelernt, mit Angst umzugehen, wie ich im Wald draußen auch gut bewiesen habe. Was nicht heißt, dass sie nicht vorhanden ist. Sie lauert stets hinter einer Ecke, bis zu dem Punkt, an dem ich nicht stark genug sein werde, um sie zurückzuhalten.
Als ich denke, die Achterbahnfahrt könnte nicht turbulenter werden, bin ich, wie sich in den folgenden Minuten heruasstellt, als ich bereits total gebant bin, in Wahrheit an einem neuen Zenit angelangt, von dem aus der emotionale Wagen, in dem ich sitze, ins Nichts herunterstürzt und gleich darauf in mehrere Loopings. Meine innere Stimme rät mir, meine Ohe zuzuhaltn, weil Luca sein Innerstes so nach außen kehrt, dass ich genau weiß, dass ich es nie hören sollte, nicht so. Nicht, wenn er es nicht bei freiem Willen entscheidet. Und vor allem im Wachzustand. Meine Hände bleiben allerdings ebenso wie mein Körper zuvor wie sie sind. Die eine umklammert die Dose, die andere die Gabel.
Er mag dich, sehr sogar. Los, woran erinnert dich das? Er hat dir gerade sein Herz auf dem Silbertablett serviert. Sein ganzes Getue ist bloß Show, um zu verhüllen, dass er in Wirklichkeit hin und weg von dir ist. Ob du das möchtest oder nicht, flüstert mir Paris' Stimme zu. Ich schüttele den Kopf, obwohl das natürlich keiner sehen kann. Mein Herz klopft viel zu schnell, weil ich keine Ahnung davon habe, was ich nun tun soll. Dann entgleitet mir die Dose, die Spaghettis in der roten Soße verteilen sich auf dem Boden, der in den letzten Stunden echt einiges abbekommen hat. Sie bilden ein wirres Muster und es tut mir leid, weil ich Krach gemacht habe und Luca wahrscheinlich davon aufwacht. Und es tut mir leid, das Essen nun verschwendet zu haben, das Jona extra hier gelassen hat und wer weiß, was er dafür eintauschen musste oder riskieren. Und es tut mir alles so leid und verwirrt mich, dass ich auf die Knie sinke, mitten zwischen die Nudeln und plötzlich weinen muss. Ich schluchze nicht, aber Wuttränen und Verwirrungstränen und Sehnsuchtstränen und Wunschtränen rinnen über mein Gesicht. Und ich sitze in meiner Bar und habe keinen Schimmer, wohin das nun führen wird.

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Mo 13 Jul - 11:29

Ich öffne langsam meine Augen. Hebe meinen Kopf. Vom Tisch? Ich blicke mich um. Das war kein Traum. Ich bin ja wirklich in der Bar. Aber wie komme ich hierher? Ich betaste meine Wangen. Nass? Wieso sind meine Wangen nass? Das war doch ein Traum?  Wie kann das alles sein? Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Ich bin angewidert von mir selbst. Alter, du hast wirklich geheult. Wenn Alaska das sieht, die la…. Ich erstarre als ich zur Theke hinüberschaue. Sie hat dich gesehen. Sie hat dich heulen sehen. F*ck. Ich schlage mir die Hände vors Gesicht. „Das ist nicht wahr. Das ist nicht wahr….“ murmele ich immer wieder und immer wieder vor mich hin. „Sag, dass das nicht wahr.“ Ich bin völlig außer mir. Beruhig dich, Alter, dein Gespräch hat sie nicht mitbekommen. Du kannst immer noch behaupten, dass du ein Glas Wasser verschüttet hast im Schlaf und deine Augen deshalb nass sind. Oder dieser Jona hat dir Wasser ins Gesicht geschüttet weil du ihn beleidigt hast. Ob sie irgendwas davon glauben wird?  Eine Allergie. Ja genau, du bist allergisch gegen ihr Grünzeug. Ich blicke kurz auf mein Bein herab. Mein Hosenbein ist immer hochgekrempelt, man kann den Verband sehr gut sehen. Nein, dann denkt sie wieder….. dann glaubt sie wieder das wäre ein Angriff auf ihre Fähigkeiten oder was auch immer. Luca, du bist ein Trottel. Ist dir das klar? Die Frau ist nicht doof. Die glaubt dir doch kein Wort. Deine Ausreden klingen wie früher in der Schule. Tut mir leid, dass ich zu spät bin, Mr. Meyer, aber ich habe den Bus verpasst….blablabla. Lass dir was Besseres einfallen. Mein Atem beschleunigt sich. Meine Hände zittern. Ich schwitze wie doof.
Ich ziehe dann doch das Stück Papier aus meinem Ohr. Geräusche. Da dringen endlich wieder Geräusche an mein Ohr. Wie schön. Ich zittere. Was ist das? Weint da jemand? Ich vergewissere mich mit meiner Hand, dass ich es nicht bin. Aber ich höre doch ein Weinen. Ich sehe mich noch mal um. Ist noch jemand außer uns beiden in der Bar? Nein. Dann sehe ich wieder zur Theke. Das Bild was sich mir dort jedoch bietet, ist das allerunwahrscheinlichste mit dem ich jetzt gerechnet hätte. Alaska kniet in mitten einer roten Flüssigkeit und weint herzzerreißend. Rote Flüssigkeit? Sie hat sich geschnitten, Alter das ist Blut du musst ihr helfen. Mein Herz schlägt noch zwei Takte schneller. Ich kann keine Erste Hilfe. Und wie soll ich ihr helfen? Es sind nur drei oder vier Schritte bis zu ihr aber die werde ich nicht schaffen können. Alter, die Frau hat dir das Leben gerettet und du willst sie jetzt verbluten lassen weil du zu feige bist, ein paar mehr Schmerzen auszuhalten? Was bist du eigentlich für ein Arsch? Entscheide dich mal, wer du sein willst. Mr. Cool, dem andere Menschen egal sind oder der alte Lucas. Denk an Leah. Würde sie das wollen? Dass du hier sitzt und nichts tust während, die Frau, die sehr du magst, weint. Ich schüttele sehr sachte mit dem Kopf. Nein, das ist nicht Leahs Bruder. Lucas ist hilfsbereit und freundlich. Na dann los, heb deinen müden Hintern und hilf ihr, sowie sie dir geholfen hat.
Ich schiebe den Stuhl zurück. Die Bewegung wirkt sich natürlich sofort auf mein Bein aus. Der Schmerz durchzuckt mich, als wenn jemand ein Messer in meine Wunde hineingesteckt hätte. Ich drücke mich am Tisch ab und stehe auf. Ich humple zur Bar hinüber, kann mich aber nicht mehr als zwei Schritte auf den Beinen halten. Ich falle kurz vor Alaska zu Boden. „F*ck“ entfleucht es mir. Ich robbe zu ihr hinüber. „Riecht das hier nach Tomatensoße?“ Ich sehe sie an, erhebe mich in eine sitzende Position und  blicke dann um uns herum. Überall liegen Nudeln und ich kann eine Büchse erkennen. Ich strecke mich und nehme die Büchse in die Hand und lese laut vor was auf dem Etikett steht: „Spaghetti mit Tomatensoße.“ Ich runzele leicht die Stirn und lege die Büchse wieder hin.
Ich streiche ihr mit einem Zeigefinger eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Hey, was ist denn? Warum weinst du?“ frage ich mitfühlend.  Ich mustere sie: „Hast du dich verletzt?“ Aber ich kann beim besten Willen keine sichtbaren Wunden erkennen.
Ich kann sie nicht so traurig sehen. Sie erinnert mich zu sehr an meine Leah, als dass ich sie so weinen sehen könnte. „Schmecken die so schlecht?“ frage ich mit einem schiefen Lächeln, um sie aufzumuntern. „Oder weinst du weil Katina und Jona weg sind? Den beiden geht’s sicher gut und die kommen sicher bald wieder.“ versuche ich sie er erneut vom Weinen abzuhalten. Mit dem Daumen wische ich ihr die Tränen ab.
„Wenn ich mir die Schweinerei so ansehe, die du hier veranstaltet hast, muss ich doch wieder Putzteufel-Lucas herausholen“ Ich nicke ihr lächelnd zu. „dabei hatte der eigentlich Urlaub bis nächstes Jahr.“ füge ich schmollend grinsend hinzu.
„Jetzt lächle doch mal wieder. Ich kann hübsche Frauen nicht weinen sehen. Lächle doch mal oder bist du kitzelig?“ Ein kleiner Stich in meinem Herz. Leah war kitzlig und wie. Ich höre noch ihr herzhaftes Lachen, wenn ich sie aufgemuntert habe, indem ich sie einfach gekitzelt habe. Da waren wir vielleicht 11. Eine lange Zeit ist seitdem vergangen. Wir sind beide erwachsenen geworden, haben uns sicher verändert, sehr verändert in dieser Zeit. Ich kann jetzt noch den Schmerz nachfühlen, als ich sie weinen sah und sie mir mit tränenerstickter Stimme erzählte, sie würde nie mehr tanzen wollen. Sie war kaum zu sehr verstehen, der Akzent tat sein Übriges. Ich schweife mit den Gedanken ab. Ich schüttele den Kopf, um die Gedanken zu verdrängen. „Ähm na ja, wenn es dir nichts ausmachen würde…“ beginne ich vorsichtig. Du Egoist. Denkst wieder nur an dich. „Ich…na ja die Position in der ich mich gerade befinde, ist nicht gerade sehr angenehm.“ Ich verziehe das Gesicht und strecke vorsichtig mein verletztes Bein von mir. Es pocht nach wie vor. „Allein komm ich glaub ich nicht wieder hoch auf die Beine. Ich weiß ja nicht mal wie ich es in die Bar geschafft habe, um ehrlich zu sein.“ setzte ich nachdenklich hinten an. Ich wische mir noch mal über die Augen. Ob man sieht, dass ich geheult habe? Was sagt nur dieser Jona, wenn er plötzlich wieder hier reinplatzt? Der lacht sich doch schlapp. Wenn er uns beide in der Tomatensoße sitzen sieht, sie weint und ich habe verheulte Augen. Wenn er nicht vor Lachen an seinem Asthma erstickt. „Ähm…ich weiß nicht, wie ich anfangen soll….aber…was du da vorhin vielleicht gesehen hast, das waren keine….also es waren schon Tränen aber…ich…. na ja,…… ich habe nicht geheult oder so…nein. Ich glaube ich reagiere einfach nur allergisch auf dein Pflanzenzeug an meinem Bein.“ Ich sehe sie direkt an und verfalle dadurch nur noch mehr ins Stottern. „Das soll kein Angriff oder so sein… nein sicher nicht….. Mir…..mir kribbelt schon die ganze Zeit die Nase. Ich habe glaub ich einfach nur Heuschnupfen oder so. Verstehst du?“ Ich streiche ihr nochmal sachte über die Wangen. „Erzählst du mir jetzt warum du weinst oder muss ich dich doch kitzeln bis du nach Atem ringst?“ Ich lächle verschmitzt. Ich nehme ihre Hand in meine und küsse ihren Handrücken. „So wunderschöne Frauen wie du sollten nämlich nicht weinen.“ Ich zwinkere ihr zu.

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Mo 13 Jul - 21:11

Ich fühle mich elend, wünschte, ich wäre nun draußen im Strandhaus am Meer, sodass ich mir mein Surfbrett schnappen und raus an den Strand laufen könnte, um mich in die Wellen zu werfen. Sie würden mich in sich einfangen, mich umspülen und mir dieses Empfinden von Freiheit geben. Dort draußen wüsste ich, was ich tun müsste und worauf ich gefasst sein muss, wenn ich mich auf die Natur einlasse. Bei Luca weiß ich das nicht. Damals, als Arata sich für mich interessiert hat, konnte ich das rasch wegstecken. Er hat es einmal versucht, ein zweites Mal, den Draht gefunden, mit dem er meine Aufmerksamkeit zum Leuchten und mich aufglühen lassen konnte, hatte er hingegen nicht, darum verlief sich das schnell wieder im Sand. Mein unerwarteter Gast hier hat es im Gegensatz dazu gleich geschafft, mehrere Punkte in mir zu treffen, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben mit allem, was sich seit ich die Oceans am Strand verlassen habe - und sie mich - angesammelt hat. Als ich mich noch alleine durch die Welt gekämpft und jegliche Kontakte auf das mindeste begrenzt habe nach dem Virus, da man einfach keinem mehr trauen konnte, noch viel weniger als davor, war ich gut zurecht gekommen. So konnte es eigentlich gar nicht dazu kommen, dass ich mich so verloren hätte und einen Zusammenbruch erleide. Das bin nicht ich, aber was ich bin, ist ein Mensch, der wie jeder andere Schwächen und Grenzen hat. An die er irgendwann stößt, ob er will oder nicht. Plötzlich dringt Lucas Stimme erneut an meine Ohren. Die Stimme, die mich so viel hat wissen lassen und die jetzt verzweifelt klingt, so wie ich mich fühle. Ich blicke zu ihm, obwohl ich nicht möchte. Will ihm nicht in die Augen sehen oder den belustigten Ausdruck auf seinem Gesicht, wenn er aufwacht, nicht versteht, dass er es war, der sich hier so verletzlich gezeigt hat und mein Dasein hier dazu ausnutzt, um alles zu überspielen und auf Nummer Sicher zu gehen. Sollte er das tun, wird er es bereuen. Mein schlagfertiger Teil ist nur gerade nicht zu sehen, aber er ist da und ich werde ihn rauslassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Was riskiere ich denn schon? Noch ist es nichts, Luca weiß nichts von Paris, nichts von meiner Einsamkeit und von anderen Dingen, mit denen man mich eventuell drankriegen könnte. Es kann mir auch gleich sein, was er von mir denkt. Ist es. Ich habe die Bar, ich habe meinen Traum und ich werde ihn durchziehen. Das war mein Plan vor Katina, vor Luca und vor Jona, vor allem, was nun noch folgen wird und den werde ich mir nicht nehmen lassen.
Als mein Gast seine Verzweiflung wie ein Mantra wiederholt, wende ich mich wieder ab, gehe mit meinen Augen die Schlieren nach, die die Nudeln in der Soße gebildet haben. Es ist ein abstraktes Kunstwerk. Gerne würde ich sehen, wie jemand diese Szene auf einem Bild festhalten würde, nur damit ich es eines Tages Paris zeigen kann, wenn ich ihn wiedersehe und er wird darüber lachen, mich in den Arm nehmen und meine Haare durchwuscheln. Er wird sich so verhalten, wie es ein großer Bruder tun sollte und eigentlich noch mehr als so. Paris wird mich behandeln wie seine beste Freundin, seine Seelenverwandte, die ich gewesen bin und er dasselbe für mich, obgleich wir in solch unterschiedlichen Galaxien schwebten.
Ich höre Bewegungen um mich herum. Luca bewegt sich, also schließe ich daraus, dass er mich gerade entdeckt hat, denn sein Gemurmel ist verstummt. Ich bleibe, wie ich bin, mit den Tränen im Gesicht und überlege, was ich nun machen soll. Das ist so neu, wie verhält man sich in einer peinlichen Situation einem Kerl gegenüber, der einem egal ist und dann doch irgendwo nicht, weil es trotz der kurzen Zeit, die die Bekanntschaft erst andauert. Da ist seine Verletzung, sein lebensbedrohender Zustand, die mich dazu gezwungen haben, ihn hier zu behalten und eine Basis zwischen uns zu schaffen, deren Plattform man nicht mehr so ohne weiteres verlassen kann, weil..ich weiß nicht. Es kann sein, dass ich ihm das Leben gerettet habe, zusätzlich zu seinem Immunsystem, das gut auf die Kräutermischung angeschlagen zu haben scheint. Dabei konnte ich das vorher nicht wissen, es war ein Spiel mit dem Glück. Hätte sich alles noch mehr entzündet, wäre die Infektion tiefer in den Körper gezogen, wäre es mir wohl nicht mal früh genug klar geworden.
Trotzdem hast du keine Angst gehabt, als du eingeschlafen bist. Du hast nicht wach gelegen oder neben Lucas Bett verharrt, um zu beobachten, wie sei Brustkorb sich senkt und hebt und das immer weiter, statt still zu stehen. Oder wenn es so wäre, zumindest bei ihm zu sein. Es wäre allein dort hinten von der Welt gegangen, mit ironischen Worten im Ohr oder den Gedanken an seine Schwester oder mit Einbildungen. Und ich hätte hier in meinem Saal gelegen, ohne etwas davon zu merken. In mir wäre nichts zerbrochen, jedenfalls nicht sofort. Diesen siebten Sinn habe ich nicht.
Aber die Schuldzuweisungen wären für immer und ewig in meinem Herzen gewesen und mir ist klar, dass es nicht vorbei ist. Selbst wenn es Luca nun besser geht, kann sich das schlagartig wieder ändern. Dass kann es jederzeit.
Er kriecht mehr oder weniger zu mir herüber mit seinem verwundeten Bein und ich mache keine Anstalten dazu, ihm beizustehen. Ich bin egoistisch und das weiß ich. Womöglich will ich eine Lösung für die Tragik gerade finden, indem ich einfach sehe, was sie mit mir macht. Und er ebenso. Was nicht heißt, dass ich alles zulassen werde.
Ich spüre seine Finger an meiner Schläfe, sie sind warm und rau. Er will damit wohl einen Blick auf mein Gesicht erhaschen, das von meinen herunterhängenden Haaren verdeckt wird, indem er eine Strähne beiseite schiebt. Die Stelle prickelt, ich halte es aus. Er spricht so anders als die ganze Zeit. Als wäre er einmal umgekehrt worden, so wie ich es bereits in meinem Zimmer empfunden und die Vorstellung mit irgendwem, der ihn manipuliert hat, heraufbeschwört habe. Es ist ein leicht shizophrener Zug, oder schlicht das Wagnis, kontrolliert sein Ich zu zeigen oder nicht. Für Luca hat es sein Unterbewusstsein ja schon abgenommen, denn das alles gespielt gewesen ist, daran glaube ich nicht. Oder..will er so an mich herankommen? Keine Ahnung. Ich werde vorsichtig sein...
Meine Tränen versiegen allmählich, die Haut bitzelt da, wo er die kleinen Tropfen auffängt noch stärker. Langsam sehe ich zu Luca, treffe seinen Blick. Schüttele den Kopf auf seine Fragen.
"Es sieht aus, als hätte ich Besuch von einem Zombie gehabt", bringe ich hervor, weil ich bei dem Essen in Verbindung mit einer Verletzung an eine Apokalypse denken muss. Dabei ist mir klar, wie bescheuert das nun garantiert lautet. Und dass ich mich als unromantische Tussi herausstelle. Denn ein bisschen süß ist die Lage bestimmt. So von außen betrachtet. Wäre sie in einem Film vorgekommen, hätte ich sie mir gern angeschaut. Mitten drin zu sein, ohne Skript ist da anders.
"Katina... kommt nicht wieder. Sie hat einen Brief geschrieben. Und Jona hat sich gleich mit einem Geschenk verabschiedet." Ich deute auf die Dosen auf der Theke.
"Das spricht eine ziemlich eindeutige...Sprache. Aber so ist das eben, wir sind frei, das ist eine andere Seite des Virus...nichts gibt uns mehr Regeln, an die wir uns halten müssen. Außer ein Anfüher in einem Tribe vielleicht..."
Ich höre mich überraschend normal an. Ein bisschen brüchig ist meine Stimme, doch man merkt ihr nicht an, dass ich geweint habe.
Luca bemüht sich darum, mich wieder hochzubringen. Selbstironisch meint er, wohl doch wieder putzen zu müssen, dabei habe ich gar nichts dazu gesagt. Das mit dem Glas war auch eher..ein Egoding.
"Urlaub?", erwidere ich skeptisch. Muss daran denken, dass er der festen Überzeugung ist, ich würde ihn wegschicken. Rauswerfen. Ich könnte das allein deshalb schon nicht mehr tun, weil er mich so an Paris erinnert und ich...ich weiß nicht...sicher bin, dass ein Typ in der Bar gar nicht schaden kann und hier genug Platz für zwei Personen ist. Als Katina noch da gewesen ist, wäre es das auch. Und wie es ist, Mitbewohner zu haben, wusste ich bei den Oceans auch. Nur dass da keiner etwas in mir ausgelöst hat, so wie Luca das tut.
"Du..du bist hier Gast. Sollest du beschließen, wie die anderen zu gehen, wenn dein Bein soweit wieder in Ordnung ist, werde ich dich nicht zurückhalten. Dazu habe ich kein...Recht", murmele ich standhaft.
Als er mich hübsch nennt, weiß ich nicht, was ich sagen soll, darum werfe ich ihm stattdessen einen bösen Blick zu. Er soll bloß auf keine falschen Ideen kommen. Paris neckte mich gern, indem er mir in die Seiten piekte. Die Schwierigkeit nun ist nur, dass ich mich nicht zu sehr aus der Reserve locken lassen will. Wenn Luca mit einer Berührung schon alles zum Prickeln bringt, wie wird es dann erst sein, wenn...ich stoppe den Gedanken. Warum denke ich überhaupt so über ihn nach?
Er sieht gut aus. Ist irgendwie witzig. Und......ein Idiot, wenn es sein muss. Meine Unerfahrenheit auf dem emotionalen Gebiet lässt mich völlig verloren wirken. Und ich bin nicht sicher, ob es Luca sein soll, der Licht ins Dunkel bringt. Falls er das eigentlich bezweckt. Wer weiß, möglicherweise hat er auch nur gecheckt, dass die Macho-Masche bei mir nicht fruchtet und probiert nun eine andere Variante aus.
Darum ist die Aufgabe, ihn wieder auf die Füße zu bringen, herzlich willkommen. Ich denke an die Krücken, die Jona mitgebracht hatte und erhebe mich zögerlich,so halb, verharre in der Hocke. Meine Klamotten sind dahin, die Soße hat sie kaputt gemacht und ich könnte mit Glück sagen, dass keine Flecken zurückbleiben werden. Ich bin sauer, weil ich eben erst noch so froh darüber gewesen bin, das Geschenk meiner Mutter so sorgfältig bewahr zu haben. Und jetzt ist es beschmutzt, bloß weil ein Kerl in Gefühlen schwelgt. Ein Schatten huscht über mein Gesicht. Verdattert lausche ich den gebrochenen Worten, die nun ihren Weg aus Luca heraus finden und absolut nicht mehr nach Paris klingen. Mein Bruder war - nein ist - ein empfindsamer Mensch, so skurril hat er sich dagegen nie benommen.
Ist..Luca etwa auch verlegen?! Ich muss ihn ansehen, als käme er vom Mars und genau so scheint es zu sein. Ich lasse ihn sachte meine Wange berühren. Nehme sein Grinsen in mich auf. Und will trotzdem fliehen. Erst recht, als er meine Hand küsst, als wäre ich eine Prinzessin in einem Märchen. Wieso ist das alles nur so kompliziert?!
Weil du anders bist. Das warst du früher und nun bist du das sowieso. Jede andere hätte ihn sich nun einfach gekrallt. In den Filmen haben die Leute es doch auch immer gemacht. Aber du bist nicht so, raunt meine innere Stimme mir zu.
Ich entziehe mich der Lage, drehe mich weg und greife nach den Krücken. Schaue auf den Boden und halte sie Luca hin, als ich mich wieder ihm widme. Kann nicht sagen, was in meinen Zügen geschrieben steht. Und bin unfähig, auf seine...Unsicherheit einzugehen.
"Schon okay. Mach dir..keinen Kopf. Und hier. Die hat Jona für dich zurückgelassen. Sie werden dir helfen."
Ihm mein Herz ausschütten werde ich vermeiden. Das kann ich nicht, möchte ich nicht. Zu groß ist die Furcht, dass er mir meine Erinnerungen an Paris vefälschen und kaputt machen will. Sie werden nie verschwinden, doch der Blickwinkel kann sich unbeabsichtigt ändern und das werde ich verhindern.
"Mir gehts gut. Wirklich. Und du...das ist einfach, nie geschehen, ja? Weder das mit dir noch mit mir. Ich..", purzeln Gedanken aus meinem Kopf. Ich mache einen Schritt auf Luca zu, rutsche auf der Soße aus, verliere den Halt und so sehr ich es versuche, selbst die Krücken können nicht verhindern, dass ich direkt auf ihn falle. Mitten in seine Arme. Nicht auf sein Bein, bezaubernd ist einen Körper auf sich landen zu haben dagegen garantiert nicht. Luca entfährt ein leiser Schmerzeslaut.
Pefekt für einen Kitschfilm, spricht der Sarkasmus. Ich komme mir vor, wie eine Fliege im Netz.
"Das...entschuldige...ich wollte nicht..dir nicht wehtun", flüstere ich und winde mich, um von ihm runter zu kommen.


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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Do 16 Jul - 23:17

Sie bewegt sich nicht als ich vor ihr stürze und mich dann eher kriechend zu ihr hinüberbewege. Bin ich ihr so egal? Ich hätte mich weiter verletzen können. Ich verziehe nur kurz das Gesicht, reiße mich zusammen und bin bei ihr. Als ich ihr Gesicht berühre, hebt sie nach einer Weile langsam den Blick und erzählt irgendwas mit Zombies, auf meine Fragen. „Was?“ frage ich verwundert und skeptisch lachend. Katina und Jona kommen also nicht wieder? „Meine Schuld was?“ frage ich niedergeschlagen. Sie deutet auf die Dosen auf der Theke als sie meint, Jona hätte sich mit einem Geschenk verabschiedet. Er ist weg? Auch gut. Alter, du hast freie Bahn. Ich werde ihm schon mal keine Träne nachweinen. Aber warum ist sie dann so traurig? Das muss doch einen Grund haben. Dann erzählt sie irgendwas davon, dass wir alle frei wären. Mir fällt es ziemlich schwer sie zu verstehen. Ich neige den Kopf ein wenig nach rechts. Bisher hat das immer geholfen. „Sollte nur ein Scherz sein.“ Ich winke lächelnd ab. „Vergiss es.“ Sie meint, wenn ich beschließen würde zu gehen, würde mir das frei stehen. „Wer sagt dass ich das will?“ frage ich verlegen und starre auf die Spuren, die die Tomatensoße auf dem Boden hinterlassen hat. Der Rest des Satzes geht jedoch unter. Ihre Stimme wird immer leiser und ich verliere immer wieder den Anschluss. Will aber auch nicht den Moment kaputt machen, indem ich wieder nachfragen muss, was sie gesagt hat. Ich will dich nicht verlassen. Das könnte ich nicht. Es würde mein Herz brechen, als wenn ich Leah ein zweites Mal gehen lassen müsste. „Du schmeißt mich doch raus. Hab ich recht? Das hast du doch schon lange beschlossen. Wahrscheinlich gleich nachdem ich deinen Boden mit meinem Blut versaut habe.“ Sie nennt mich immer nur Gast. Bedeute ich ihr denn wirklich gar nichts? Ich will das einfach nicht glauben. Ich spüre doch ganz genau, wie bei keinem anderen Mädchen vorher, dass da mehr ist. Selbst Laura hat es nie geschafft, mich so in Verlegenheit zu bringen. Ich glaube, fast bei ihr war ich ein oberflächlicher Idiot. Und am Ende war ich trotzdem enttäuscht, dass sie mich aus genauso einem oberflächlichen Grund abserviert hat. Sie war meine erste Freundin und ich glaube als Junge fühlt man sich einfach sehr geschmeichelt, wenn das schönste Mädchen des Jahrgangs an einem Interesse zeigt. Aber so oberflächlich bin ich doch gar nicht. Ich meine gut auch an Alaska ist mir zuerst ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht aufgefallen aber … man trägt ja seinen Charakter nun mal nicht im Gesicht. Obwohl das wäre doch mal eine Idee für Mutter Natur, das einzurichten, dass würde die Sache mit der Liebe usw. um ein Vielfaches erleichtern. Als ich meine, dass ich hübsche Frauen nicht weinen sehen kann, ernte ich erstaunlicherweise einen bösen Blick. Ich schrecke zurück. „Hab ich was Falsches gesagt?“ frage ich verblüfft. Ok, damit ist sie das erste Mädchen, was auf ein Kompliment von mir, sauer reagiert. Aus welchem Grund auch immer. Jetzt verstehe ich erstrecht gar nichts mehr. Als wäre es nicht schon kompliziert genug mit dieser Gefühlskiste, von der ich echt keine Ahnung habe, habe ich das Gefühl, dass ihr die Situation mindestens genauso unangenehm ist, wie mir. Wieso kann es nicht so einfach sein, wie früher in der Grundschule, als man noch die Zettel zum Ankreuzen verteilt hat? Willst du mit mir gehen? Ja, Nein, Vielleicht. Obwohl selbst das würde mir jetzt nicht weiterhelfen, da wir wohl eher beim Vielleicht sind als beim Ja. Und sie wohl sicher noch beim Nein. Warum sind Gefühle so verwirrend? Wie soll ich da durchblicken? Ohne jegliche Erfahrung. Wo ist Luke eigentlich wenn man mal seinen Rat, als älterer Bruder, braucht? Der war mit dieser- wie hieß sie?- Zora?- ich glaube ja- monatelang zusammen. Sie hat sich anfangs auch geziert aber ich habe keinen Plan wie er sie letztendlich doch rumgekriegt hat.
Ich soll mir keinen Kopf machen? Haha sehr witzig. Ist ja auch nur so, dass die Frau auf die ich total abfahre, gesehen hat, wie ich hier rumheule, warum auch immer. Ich bin ein kompletter Idiot. Dann erwähnt sie, dass Jona Krücken für mich dagelassen hätte und die mir helfen würden. „Wirken die wie Schmerzmittel oder wie?“ frage ich sarkastisch angesäuert. Ich höre immer nur Jona hier, Jona da. Was hat sie nur immer mit diesem Jona? Mädel, er ist weg und das ist auch gut so. Wir brauchen ihn nicht, finde dich damit ab. Du hast mich. Reicht dir das nicht? Tja Alter, irgendwas machst du weiterhin falsch und irgendwas muss dieser Jona richtig gemacht haben. Steht sie etwa auf Weicheier?  
Sie behauptet standhaft, ihr würde es gut gehen aber ich bin nicht blind. Ich sehe doch dass es ihr nicht gut geht.
„Meine Augen funktionieren im Gegensatz zu meinen Ohren perfekt. Und die vermuten gerade, dass du mich anlügst. Du versuchst mir grad echt weiß zu machen, dass du ohne Grund hier sitzt, wohlgemerkt in Tomatensoße“ Ich deute um uns herum. „und weinst. Denkst du ich bin blöd?“ Ich bin noch angesäuerter als gerade noch und langsam macht sie mich wütend. Wir sollen so tun, als wäre das mit mir oder ihr nie passiert?
„Was ist nicht passiert? Habe ich dir grad nen Heiratsantrag gemacht ohne es zu merken?“ Ich sehe sie erstaunt an. Ich bin verwirrt. Was meint sie damit? Ist doch nichts passiert. Oder meint sie, dass sie geweint hat? „Verdammt noch mal, ich will dir nur helfen. Warum zierst du dich so?“ Jetzt bin ich wirklich sauer. Sie verschweigt irgendwas. Aber was?
Sie reicht mir die Krücken. Ich mache eine abwertende Geste und wende den Kopf nach rechts, um sie nicht ansehen zu müssen. „Die kannst du behalten. Hau ab mit dem Mist.“ Ich reiße ihr die Krücken aus der Hand und werfe sie hinter mir in den Raum hinein. Sie kann sich das Geschenk von ihrem Lover sonst wo hinstecken. Sie macht einen Ausfallschritt auf mich zu. Rutscht dabei aber auf der Soße aus und landet auf mir drauf. Volltreffer auf meinen Kronjuwelen. Super, Alter, sie lässt dich immer abblitzen und jetzt will sie auch noch dafür sorgen dass du dich nicht weitervermehrst. „Aaah! Verdammt.“ entfährt mir ein leiser Schmerzensruf. Dann murmelt sie irgendwas. „Wenn du ein Geheimnis mit mir teilen willst, musst du lauter sprechen.“ meine ich. „Es sei denn du lästert grad über mich dann kannst du die Lautstärke getrost beibehalten, denn das will ich nicht hören“ füge ich mürrisch hinzu. Sie weiß, dass ich hochgradig schwerhörig bin, warum verdammt noch mal flüstert sie? Ich hasse es wenn Leute wissen, dass ich ein eingeschränktes Hörvermögen habe und trotzdem versuchen flüsternd mit mir zu reden.
Sie versucht sich von mir runterzuwinden. Meine Hände reagieren aber schneller als mein Hirn. Ich halte sie fest und ziehe sie zu mir hinunter. Ihren Kopf halte ich in beiden Händen und küsse sie leidenschaftlich. Wenn schon denn schon. Sie schuldet dir immerhin was für die zusätzlichen Schmerzen. Eine meiner Hände wandert seitlich an ihrem Körper nach unten. Meine rechte Hand streichelt ihren Hals. Das schönste Erlebnis seit langem Ich fühle mich wie der glücklichste Mensch auf Erden. All die Trauer um meine verlorene Schwester scheint so weit entfernt, als wäre ich gar nicht mehr auf der Erde sondern irgendwo weit weg zwischen den Wolken. Lass diesen Kuss ewig dauern, wenn es dich dort oben wirklich gibt, bete ich innerlich. Meine Hände zittern leicht, ich hoffe sie bemerkt es nicht. Mein Atem beschleunigt sich. „Aaah.“ Das Zittern wird schlimmer.
„Was ist das?“ flüstere ich, dass ich mich selbst kaum hören kann. Ich lasse von ihr ab und packe mir an die Brust. Ich stöhne. „Irgend….was sti…stimmt hier ni..ni..nicht.“ bringe ich gerade noch schwach stotternd hervor. Ich schwitze wieder wie verrückt. Ist das Fieber doch wieder da? Ich dachte, das Schlimmste wäre vorbei. Mein Herz rast. Ich atme wie ein Marathonläufer kurz vorm Ziel. Die Welt um mich herum verliert langsam aber sicher ihre klaren Umrisse. Ich bin abwesend und sicher kreidebleich. In meinem Kopf dreht sich alles und mir ist schlecht. Ihre Lippen bewegen sich aber ich bekomme gar nicht mit was sie sagt. „J..Jo..ona la..lacht sich kr..krank, wenn er uns hier s.si..sieht.“ gebe ich im Fieberwahn leise von mir. Die Welt wird dunkel und verschwimmt im Nebel. Ich breche bewusstlos auf ihr zusammen.

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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Fr 17 Jul - 14:24

Meinen Satz mit den Zombies lässt Luca unkommentiert, überhaupt bleibt er weiterhin seinem neuen Ich treu, das aufgrund einer gewissen Nahtoderfahrung entstanden sein könnte oder sich aber die ganze Zeit hinter seinen Sprüchen verborgen hatte und es ist sogar so, dass ich meine, in seiner Stimme Bedauern zu hören...oder vielmehr ein Eingedständnis. Es muss Luca viel abverlangen, das zu tun, seine Mauer fallen zu lassen, obwohl mir klar ist, wie schnell er sie wieder hochziehen könnte.
"Es ist nicht deine Schuld. Jedenfalls..nicht zum Großteil. Weder Katina noch Jona habe ich besonders lange gekannt und es ist logisch, dass sie sich nicht so wie ich meinem Projekt verschreiben möchten. Ihr - du mit einbegriffen - seid mehr oder weniger zufällig hergekommen. Katine brauchte einen Schlafplatz, du wolltest was trinken und bist verwundet und Jona wollte in die Stadt, statt allein im Wald zu bleiben, was ich ihm nicht verdenken kann. Und verbinden eigentlich nur...flüchtige Dinge, da ist es kein großes Wunder, wenn sie nicht stark genug sind, um jemanden hier zu halten", sage ich. So ist es immer gewesen in meinen letzten Lebensjahren und obwohl ich die Hoffnung dann und wann hege, dass es sich eines Tages ändern könnte und dass ich es auch möchte, ist es für mich kein Weltuntergang, wenn es nicht eintritt. So ist das eben. Wieso sollte ich mich in Gram verschließen und Leuten hinterhertrauern, die ich nicht mal richtig kannte und die auch nicht das Interesse hegen, das zu ändern?
Als ich das auch Luca gesagt habe, entgegnet er, die Sache mit dem Urlaub wäre ein Scherz gewesen. Super, toller Scherz. Dabei spricht er doch die ganze Zeit davon, dass ich ihn loswerden möchte und mein Hirn redet sich ein, dass das eine Masche ist, so ein Jungsding, um ein Mädchen nicht zu verletzen und sich trotzdem wegmachen zu können. Immerhin kann man hinterher sagen, ja sie hat mich ja auf die Straße verwiesen statt dass man selbst den Weg gewählt hätte. Es könnte klappen, aber nicht mit mir.
Ich zucke mit den Schultern.
"Manchmal verstehe ich Scherze nicht, aktuell bin ich aber auch einfach nicht in Stimmung dafür. Und ja, du fragst, wer sagt, dass du gehen willst? Steht denn irgendwo hier geschrieben, dass ich mir zum Prinzip gesetzt hab, dich den Hunden draußen zu überlassen, mh? Nein, also hör endlich auf, das andauernd zu bemerken. Falls du gehen solltest, na los, mach es, aber ich werde nicht diejenige sein, die dafür sorgt!", antworte ich etwas lauter, weil ich genervt und aufgebracht bin. So ein Depp! Und warum spielt er auf sein blödes Blut an? Hält er mich nach allem, was ich getan habe für so bescheuert, dass ich mich um ein bisschen Blut kümmere, bei dem es ja nicht so gewesen ist, als hätte er es extra verloren?! Luca sieht echt nur, was er sehen will. Und dann will er echt noch wissen, ob er was Falsches gesagt hat. Dabei muss ich sofort an diese Szenen denken, in denen einer seinen Partner beim Fremdgehen mit jemand anderem erwischt und diesen Es-ist-nicht-so-wie-es-aussieht-Spruch bringt. Nein, natürlich nicht. Ist alles nicht so gemeint. Und Luca hat mich zwar nicht betrogen - wie könnte er auch, wir haben ja nichts miteinander, schon gar nicht nach zwei Tagen, in denen er den Großteil davon ohnmächtig oder im Wahn gewesen ist - vergleichbar ist es dennoch. Man weiß, dass man etwas verbrochen hat und tut trotzdem unschuldig. Am liebsten würde ich ihm alles entgegenwerfen. Dass er im Traum laut hörbar mit seiner Schwester geredet hat, als würde sie vor ihm stehen. Dass er mich damit so sehr an meinen Bruder erinnert hat und daran, wie arg ich ihn vermisse. Und dass er dieses Liebesgeständnis gemacht hat, mit dem ich nichts anfangen kann, weil ich nicht wie diese Mädchen aus den Romanen bin, die immer wissen, was zu tun ist. Junge Frauen, die wie ich sich gerne hinter Büchern vestecken, noch nie ein Date gehabt haben, geschweigedenn jemanden geküsst, so richtig ehrlich, außer beim Falschendrehen. Letzteres ist bei mir nicht mal der Fall gewesen. Wie könnte es auch anders sein, wenn keiner nah genug an mich rangekommen ist? Und den Drang danach, es bloß mit irgendwem zu machen, auf einer Party oder so, verspürte ich keineswegs. Ich wollte keine von denen werden, die später bereuten oder einen kostbaren Moment an einen verschenkten, in dem es eben mal so passierte. Mein Leben hatte für mich ohne all das genauso einen Sinn, irgendwie. Das Tanzen und Lesen und Lernen und Rumlaufen in der Stadt füllten meine Zeit komplett aus.
"Was Falsches? Weiß ich nicht genau, doch so oft, wie du auf mein Aussehen anspielst, ist das dir ja wohl sehr wichtig. Ist es das, weshalb du mich magst, weil die Natur nett zu mir gewesen ist in dieser Hinsicht? Dürfte ich denn weinen und würde allein in der Ecke sitzen gelassen werden, wenn ich nicht so hübsch wäre deiner Meinung nach?!", kommen ganz andere Worte aus meinem Mund als geplant, aber das bin ich von mir gewohnt. Gespannt auf die Reaktion bin ich allerdings sehr. Ist Luca tatsächlich so...leicht zu haben, indem er sich sofort um einen kümmert, sobald man in sein Beuteschema passt? Katina hat er nicht so behandelt, dabei war sie auch absolut nicht hässlich, aber wieso muss er es dann gleich mehrmals erwähnen, dass er keine schönen Leute weinen sehen kann? Als ob das ein Kriterium für wäre, dass es gravierender macht, wenn es jemandem schlecht geht.
Zu den Gehhilfen kommt dann wieder ein bissiger Kommentar.
"Naja, je nachdem, wie du sie gebrauchst, können sie schon dazu beitragen, dass du dein Bein etwas entlasten kannst und es demnach weniger wehtut", meine ich wieder ruhiger, rational.
"Ich kann sie aber auch für mich behalten, dann hab ich eine Sache mehr, die mir zur Verteidigung dienen kann, wenn man wer herkommt, der nicht nur Sprüche klopft, sondern auch anders den großen Maxen markieren will", füge ich ebenso sarkastisch wie er redet hinzu. Ich muss an das Pärchen im Strandhaus denken, das ich mit einem Besenstiel bedroht habe. Meine Waffenauswahl würde jeden richtigen Krieger an einem Lachanfall sterben lassen. Nachdem er mich besiegt hat selbstverständnlich. Kampflos würde ich niemals aufgeben, gegen eine scharfe Klinge ist ein Holzstab dagegen nichts, es sei denn, man triff damit die Halschlagader oder sowas. Zum Mörder werden wollen, würde ich aber nicht mal dann, wenn es um mein eigenes Leben geht. Ich möchte es nicht auf Kosten eines anderen weiterführen...
Luca holt mich mit seinem Genörgel zurück, in dem er meint, seine Augen wären gesund und ich sollte aufhören, ihm etwas vorzumachen. Hab ich mich etwa unwissend bei einer Therapie angemeldet? Ein guter Psychologe ist Dr.Sarkasmus jedenfalls nicht. Wäre ihm wirklich klar, was der Anlass für meinen Zusammenbruch ist, würde er nicht mehr so leichtfertig darüber rumtönen. Ich schaue ihn standhaft an.
"Was willst du von mir hören? Dass du im Schlaf urplötzlich angefangen hast, komische Dinge zu sagen, die mich verwirrt und dich sehr wohl zum Weinen gebracht haben? Ist es das? Soll ich dir auch noch aufs Brot schmieren, was genau du alles unabsichtlich verraten hast, damit du mir ein paar mehr nette Sachen um die Ohren pfeffern oder noch tiefer in dein Loch fallen kannst, ja? Ist es das, was du möchtest? Mir ist klar, dass Empathie keine große Charaktereigenschaft von mir ist, Taktgefühl besitzte ich dagegen sehr wohl", halte ich ihm entgegen. Wütend auf ihn und auf mich und auf die blöde Welt, alles zusammen.
"Helfen? Ich brauch keine Hilfe, das habe ich nie. Wieso willst du so hartnäckig den Retter spielen? Etwa damit ich dankbar in deine Arme gelaufen komme und dir etwas schuldig bin? Damit du einen Stein im Brett hast, wir quitt sind und dein Ego sich nicht gefallen lassen muss, dass du von einer Frau versorgt worden bist und du es ohne mich nicht gepackt hättest, zu überleben? Das stimmt so nämlich nicht. Ich habe lediglich dazu beigetragen, dass Dinge, die die Infektion noch verschlimmern hätten können, aus der Wunde gesogen werden und alles etwas beruhigt wird. Das Leben gerettet hast du dir selbst mit deinem Immunsystem."
Meine Laune wird dadurch geschürt, dass Luca die Krücken, die ich ihm immer noch hinhalte, mir ruckartig entnimmt, nur um sie wie ein trotziges Kind durch die Bar zu feuern, wo sie irgendwo in der Nähe der Bühne landen. Wie kann man nur so undankbar sein?! Noch rasender werde ich bloß, als ich falle, auf ihn drauf, was der letzte Ort ist, an dem ich gerade sein möchte. Die gemurmelte Entschuldigung kann er nicht hören, seine Schwäche hatte ich echt ausgeblendet in dem ganzen Trubel, was ihm ein super Sprungbrett bietet, um mir noch was reinzudrücken. Lästern? Na sicher...
"Eigentlich habe ich mich entschuldigt, aber egal", meine ich lauter und will aufstehen, einfach nur weg von hier, weg von ihm.
Und was dann geschieht...kann ich nicht verstehen. Luca hält mich fest, hält mich zurück. Nimmt mein Gesicht zwischen seine Hände...und küsst mich. Einfach so. Kein "Ich hoffe, das ist nun okay für dich" oder ein "Dann geh doch", nein, er küsst mich. Zum ersten Mal in meinem Leben. Als hätte ich es, indem ich vorhin darüber nachgedacht habe, heraufbeschworen. Und es geschieht an keinem romantischen Ort im Wald oder an einem See, am Meer bei Sonnenuntergang oder sowas, nein, es passiert mitten in Tomatensoße nach einem Streit und ohne, dass ich mich dazu entscheiden oder nein sagen konnte. Luca hat sich den Kuss geraubt. Er ist ein verdammter Dieb! Als wäre das nicht genug, rührt das alles in meinen Gefühlen wie ein Kochlöffel. Es fühlt sich...ungewöhnlich an. Aber nicht negativ, eher eben, wie alles, was man zum ersten Mal tut. Ich erwidere es automatisch, so gebannt, dass ich mich nicht wehren kann. Seine Lippen sind ein kleines bisschen rau, schließlich ist er krank und nicht auf der Höhe. Seine Hände gleiten nach unten, eine verweilt in meinem Nacken, während die andere weiterwandert. Meine eigenen suchen einfach nur Halt. Halt, den sie auf Lucas Schultern finden. Ich weiß nicht, was ich tun soll, darum lasse ich meinen Körper die Führung übernehmen, anstelle meiner Vernunft. Lasse mich von dem nun noch intensiveren Kribbeln in mir, von dem ich keine Ahnung habe, was es ist, beirren, bis ich merke, dass Luca's ehemals ruhige warme Hände zittern. Und das nicht gerade wenig.
Er löst sich von mir, legt seine Hände auf seinen Brustkorb, als würde er gerade einen Herzinfarkt erleiden und die schönen Gefühle sind dahin. Die Wut fürs erste auch, die wieder in Sorge und Panik umschlägt. Lucas Atmung ist unnormal beschleunigt, was ich nicht dem Kus zuschreibe. So heftig war der immerhin auch nicht. Meine Lippen prickeln immer noch.
Luca sagt noch irgendwas zu Jona, von wegen, dass er lachen würde, dann fällt er mir entgegen, ohnmächtig und leblos. Sein Körper glüht. Ist das ein Rückfall? War das eben die Ruhe vor dem Sturm oder sind es die Folgen dessen, dass Luca das Bett verlassen und sich hier in den Saal geschleppt hat. Und eben, hat er da überhaupt geschlafen oder war er schon mal ohnmächtig?! Ich war natürlich zu blöd, um nachzugucken. Aber für Schuldgefühle ist nun keine Zeit. Ich setze Luca auf, sein Kopf kippt schlaff zur Seite, damit er sich nicht das Genick brechen kann, stütze ich ihn mit einer Hand und lege seinen Oberkörper vorsichtig auf den Boden.
"Hey, wach wieder auf. Komm schon, das kannst du doch nicht machen", plappere ich vor mich hin, während ich Luca kleine Schläge auf die Wangen verpasse. Trinken, Wasser, ich brauche Wasser, rede ich mir zu, springe auf und hole einen der Kanister herbei. Ich fülle ein neues Glas mit der Flüssigkeit, setze mich wieder neben Luca, hebe seinen Kopf an und halte ihm das Glas an den Mund.
Komm schon, trink etwas, sei wach! Mir ist klar, dass er so auch ersticken könnte, wenn Wasser in die Lunge kommt, aber irgendwas muss ich tun. Als er Nicht reagiert, stelle ich das Glas in sicherer Entfernung wieder ab, höre, wie Luca atmet - wieder sehr langsam - und wie sein Herz schlägt - alles andere als langsam. Da mich alles so durcheinander bringt, mache ich dumme Sachen, wie Luca schütteln, und wieder weinen und ihm weitere leichte Ohrfeigen verpassen.
"Komm zurück, du kannst dich doch nun nicht einfach so aus der Affäre stehlen und mich mit dem Mist hier zurücklassen, an dem du nicht besonders unschuldig bist. Wach auf, deine Zeit ist nicht gekommen. Du musst doch noch deine Schwester finden! Leah wartet in dieser Welt auf dich, hast du gehört?!"
Erklären, wieso ich seine Schwester nun ins Spiel bringe, kann ich nicht so ganz. Es liegt vielleicht daran, dass Menschen auf Personen, mit denen sie so stark verbunden sind, am ehesten reagieren und womöglich habe ich Glück. Wenn nicht dann, keine Ahnung. Ich weiß viel, aber innere Verletzungen kann auch ich nicht sehen.


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BeitragThema: Re: Flavor's Heart (Großer Saal)   Sa 18 Jul - 23:52

Alaska erklärt mir, dass es wohl nicht zum Großteil meine Schuld ist, dass Katina und Jona gegangen sind, anstatt hier in der Bar zu bleiben. Schuldig fühle ich mich trotzdem irgendwie, ich weiß auch nicht genau warum. „Ich dachte, ihr kanntet euch länger. Ihr wirktet so vertraut, auch wenn sie in meiner Gegenwart nicht viel gesagt hat.“
Manchmal versteht sie Scherze nicht? Was läuft denn bei ihr falsch? Sie lässt grad wieder ihre zickige Art heraus, als ich meine, sie würde mich doch sowieso rausschmeißen. Mit einem lächerlichen Spruch über Hunde bringt sie indirekt, die Sprache wieder auf meine Verletzung. Und erwidert giftig, wenn ich gehen wollte, sollte ich das doch tun, sie würde nicht diejenige sein, die dafür sorgt. Ich soll gehen? Ach ja und wie? Jetzt ist mir wirklich nach Heulen zumute aber ich verkneife es mir. Es hat mich bereits meine gesamte Kraft gekostet, aus diesem kleinen Zimmer in die Bar zu gelangen. Ich möchte ihr ins Gesicht schreien aber es geht nicht. Ich lasse ihre Vorwürfe unkommentiert über mich ergehen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und es ist mir auch irgendwo egal. Die Gedanken, einfach alles zu beenden, steigen in mir wieder auf. Ich habe lange nicht mehr daran gedacht, einfach allem ein Ende zu setzen. Lange hegte ich eine gewisse Hoffnung, dass sich alles irgendwann und irgendwie doch wieder zum Besseren ändern würde. Aber das Schicksal tat mir diesen Gefallen leider nicht.  Meine Fresse, da macht man ihr mal ein Kompliment und dann ist es auch wieder nicht richtig. Madame hat wohl an allem was auszusetzen. Wie hätte sie mir denn auffallen sollen, wenn sie hässlich wie die Nacht wäre? „Nein, es liegt nicht an deinem Äußeren, nicht nur, sagen wir es mal so. Und ich will es nicht schon wieder sagen aber wenns mir besser geht bin ich weg. Wir nerven uns doch nur gegenseitig. Egal was ich sage, du kriegst es in den falschen Hals und umgekehrt läufts doch genauso.“ Sie sagt zwar, die ganze Zeit, sie würde mich nicht wegschicken wollen, tut es aber dennoch, indirekt, mit dem was sie sagt. Es verlangt viel von mir ab, ihr den wahren Luca zu zeigen aber sie scheint es kein Stück zu schätzen. Dabei könnte sie sich eigentlich geehrt fühlen, ich lasse normalerweise niemanden so nah an mein tiefstes Inneres heran. Ich hasse, es verletzt zu werden. Ich verberge meine Gefühle meist hinter meinen sarkastischen Sprüchen, die ich wie eine Schutzmauer direkt vor mir stehen habe. Damit niemand die Möglichkeit hat weiter hineinblicken zu können als ich es je zulassen würde. Der verletzliche, gefühlvolle Teil von mir bleibt meist hinter Schloss und Riegel.
Dürfte sie weinen, wenn sie nicht so hübsch wäre? Hä? Was redet sie denn für einen Schwachsinn zusammen? Ich blicke echt gar nicht mehr durch. Ich schüttle nur ungläubig mit dem Kopf. „Ich habe keinen blassen Schimmer, wovon du redest. Und ich glaub, das war das letzte Mal, dass ich dir ein Kompliment gemacht habe, wenn danach immer so ein Heckmeck folgt.“ Ich reibe mir die Stirn an der rechten Seite. „Du regst dich über Nichtigkeiten auf, weißt du das? Hat dir noch nie ein Junge gesagt, dass er dich schön findet?“
Laura konnte gar nicht genug davon bekommen, dass ich ihr sagte, wie schön ich sie fände. Bei ihr wars mehr als leicht sie rumzukriegen, Alaska hingegen ist eine echte Herausforderung. Und ich stehe auf Herausforderungen. Sie soll bloß nicht denken, dass ich so schnell aufgebe, auch wenn ich gerade nicht ganz Anschein eines Kämpfers habe.
Auf die dämlichen Krücken habe ich erstrecht keinen Bock. Was denkt sie nur? Ich bin bald wieder auf dem Damm, auch ohne ihre Gehhilfen. Ich habe schon ne Hörhilfe, die nicht funktioniert, mehr Hilfe brauch ich nun wirklich nicht. Bald kann ich gar nichts mehr allein wenns weiter so geht.
„Ich werde die Teile nicht brauchen. Ganz einfach. Ich komme schon irgendwie zu recht.“ erwidere ich als sie meint, die Krücken würden helfen mein Bein zu entlasten und mir so ein wenig der Schmerzen nehmen. Ok, Alter, wer hebt dich dann vom Boden auf?
„Wer klopft hier nur Sprüche? Du doch. Ich muss dir gar nichts beweisen. Du…“ Ich verstumme. Mir fällt einfach nichts mehr dazu sein. Was will sie denn, das ich ihr beweise? Soll ich hier den Boden wischen oder was? Wer sagt eigentlich, dass ich ihr helfen will, ihre blöde Bar aufzumachen? Am Ende übernimmt sie sich mit allem und es kommt sowieso keiner. Da kann sie den Laden gleich zulassen. Immerhin müsst man hier erst mal gründlich aufräumen. Will sie das alles allein bewältigen? Wie soll das gehen? Selbst wenn ich gesund wäre, könnte ich ihr nicht wirklich von Hilfe sein. Damals mein Zimmer in unserem Zuhause habe ich schon nich in Ordnung gehalten, dann werde ich wohl kaum bei Fremden den Hausmann spielen.
Ich habe komische Dinge gesagt im Schlaf? Die sie verwirrt hätten? Habe ich…? Nein. Verwirrung und Erstaunen liegt in meinem Blick. Ich habe nicht nur einfach geträumt. Sie hat gehört, was ich gesagt habe? Ich versuche die Panik zu unterdrücken. Sie hat alles mit angehört? Auch den Teil, wo ich über sie geredet habe? Nein, das kann nicht wahr sein. Ob sie mir verraten soll, was ich alles gesagt habe? Damit ich noch tiefer in mein Loch fallen kann? „Ich will gar nichts hören, wenn du schon so fragst. Du hast einfach keine Ahnung. Du kennst mich nicht und wirst es wohl auch nie.“ meine ich nüchtern und schaue zu Boden. „Außerdem hab ich nicht geweint. Wie oft denn noch? Es ist eine allergische Reaktion gewesen. Mehr auch nicht.“ füge ich wütend hinzu und sehe sie direkt an. Noch tiefer könnte ich glaube ich nicht fallen. Ich bin bereits am Boden meines Lochs angekommen. Einen Lichtblick, nach draußen sehe ich nicht. Ich bin einfach zu tief in meiner Depression gefangen, als das ich irgendetwas positiv aufnehmen könnte, und hilfreich sind Alaskas Sprüche erstrecht nicht. Sie stoßen mich tiefer hinein.  Ich dachte wirklich die Gedanken, allem ein Ende zu setzen zu wollen, wären für immer weg. Ich hatte mich damit abgefunden. Mit allem. Meiner baldigen Taubheit, Leah nie wieder zu sehen etc…. Vielleicht hat sie recht und ich jammere nur, wer weiß. Einen Psychologen kann ich nicht mehr fragen, was mit mir los ist weil es keinen mehr gibt.
Sie schreit mich an, sie bräuchte keine Hilfe von mir. Warum ich so hartnäckig den Retter spielen will? Will ich das denn? Den Retter spielen? Ob es was mit meinem Ego zu tun hätte? Ich schüttle wieder ungläubig den Kopf. Warum muss sie mir die ganze Zeit die starke, emanzipierte Frau vorspielen? Nach außen immer der Starke bloß nie Schwäche zeigen, in der Angst ein Anderer könnte sich einen Vorteil davon verschaffen. Ich glaube, in der Beziehung sind wir uns doch sehr ähnlich. Ich halte andere Menschen grundsätzlich erstmal auf Abstand mit meinen Sprüchen. Ich lasse niemanden an mich heran. Ob sie es aus demselben Grund tut, wie ich? Um nicht enttäuscht zu werden? Oder sogar um einer seelischen Verletzung vorzubeugen? Wurde sie bereits von einem Jungen so enttäuscht, dass sie nun niemanden mehr an sich ranlässt? Könnte ich gut verstehen. Ich muss wieder an Laura denken. Ob sie mit ihrem neuen Lover nun glücklich ist, nachdem sie mich abserviert hat? Ich würde es ihr wünschen. Ich bin zwar nach wie vor sauer auf sie auch nach all den Jahren, die inzwischen ins Land gegangen sind aber ich trauere unserer Beziehung nicht hinterher. Sie war einfach nicht dafür bestimmt, für die Ewigkeit zu halten. Ich muss mich wohl damit abfinden. Aber Laura und Alaska sind auch grundsätzlich verschiedene Menschen. Von dem was Alaska überhaupt von sich preisgegeben hat, kann ich bisher jedenfalls keine Gemeinsamkeiten erkennen. Eigentlich hat sie recht, wenn sie sich was fragt, was ich so interessant an ihr finde. Bei Laura ging es mir wirklich nur ums Aussehen. Aber ich war dreizehn. Sie war meine erste Freundin. Seitdem bin ich wesentlich erwachsener und reifer geworden. Ich habe mich verändert, glaube ich zumindest. Alaska ist mir einfach unheimlich ähnlich in ihrer Art, vielleicht ist es das. Mit ihren Sprüchen macht sie sich sicher nicht so leicht und schnell Freunde. Zwei Seelenverwandte auf der Suche. Aber der Suche nach was? Freundschaft? Zuneigung? Oder doch sogar Liebe? Kein Mensch ist gern allein. Wir sind dazu bestimmt uns mit anderen Menschen zu umgeben. Ob uns das gefällt oder nicht interessiert die Natur nicht.
Dann fällt sie auf mich und ich kann nicht anders als meiner menschlichen Natur nachzugehen. Ich packe sie, ziehe sie zu mir und küsse sie. In mir dreht sich alles. Alle glücklichen Augenblicke meines Lebens vereinen sich in mir. Ich spüre ein seltsames Gefühl in mir. Wie Schmetterlinge in mir, die aus ihren Kokons brechen und wild mit den Flügeln schlagen. Alles prickelt. Ihre warmen Lippen wirken kühl als sie auf meine treffen. Und das erstaunlichste, sie erwidert den Kuss. Sie stößt mich nicht von sich oder knallt mir eine, womit ich am ehesten gerechnet hätte… nein…sie erwidert den Kuss. Ihre weichen Hände scheinen Halt zu suchen. Sie ruhen plötzlich auf meinen Schultern. Ist mir so warm oder was? Das Glücksgefühl über meinen ersten Kuss seit langem hält aber nicht lange.
Ich spüre Schmerzen in meiner Brust. Der Raum dreht sich und wirkt verschwommen auf mich. Ich merke noch wie ich Alaska entgegenfalle. Dann ist es dunkel. Um mich herum nehme ich nichts mehr wahr.

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„Hey Luca, kommst du oder was?“ Ich höre Lauras Stimme. Ich blicke mich um. Wo bin ich? Unser Schulhof? Ich stehe hinter dem Auto meiner Mutter. Ja, das ist das Auto meiner Mutter. Sie ermahnt mich gerade noch mal, dass ich das Hörgerät auch tragen solle, auch wenn es mich stören würde. Was ist das hier? So ne Art, Leben nach dem Tod oder wie? Bin ich gestorben? Wo ist die Bar? Wo ist Alaska? Ich blicke mich um. Durch das geöffnete Autofenster berührt meine Mutter meinen Arm. Ich sehe sie an. „Hast du verstanden, Lucas Stephen Parker? Du trägst es. Es wird dir beim Hören helfen. Du hast den Arzt verstanden. Ohne das Teil wird dein Ohr schlechter werden.“ Ich hasse es  wenn sie mich mit meinem vollen Namen anspricht. Ich höre den Nachdruck in ihrer Stimme aber ich glaube es geht ihr eigentlich nur um das Geld. Meine Ohren sind ihr doch scheißegal. Ich nicke und warte kurz bis sie vom Schulhof gefahren ist. Ich nehme das Teil aus meinem Ohr und schalte es aus. Es fühlt sich einfach wie ein Fremdkörper an. Ich setze meinen Rucksack kurz ab und lege es in die kleine Büchse, die ich zum Transport dabei habe. Die Büchse verschwindet wieder in meinem Rucksack. Laura tritt zwischen einem der Autos auf mich zu und küsst mich. Sie ist ein Stück kleiner als ich und muss sich fast auf die Zehenspitzen stellen, um meine Lippen zu erreichen. Es ist leicht windig und ihre blonden Haare wehen um ihr Gesicht und kitzeln mich. Meine Hand wandert unter ihr Shirt an ihrem Rücken. Sie stoppt meine Hand und löst sich von meinen Lippen. „Nicht so stürmisch junger Mann.“ Sie grinst und küsst mich erneut. Ich lege meine Arme um ihre Hüften. „Du hast mich doch vermisst oder?“ Es klingelt. „Ich glaube, wir sollten mal reingehen.“ meint sie. Ich verfestige meine Umarmung. „Warum? Ist doch so schön hier draußen. Nur wir und die Sonne.“ An uns rollt ein schwarzhaariger Junge im Rollstuhl vorbei. Lauras Blick folgt ihm. „Sind wir ne Behindertenschule oder wie.“ zischt sie zwischen zusammengekniffenen Lippen hindurch. Ich drehe ihren Kopf in meine Richtung und lege meinen Zeigefinger auf ihre Lippen. „Lass es.“ meine ich ernst. Sie sieht mich skeptisch an. „Was denn?“ Ich kann eine Spur von Wut in ihrer Stimme erkennen. „Hab ich was Falsches gesagt? Dein neuer Kumpel, was?“ versucht sie mich zu necken. Aber ich winke ab: „Vergiss es. Lass ihn einfach in Ruhe. Er scheint neu zu sein.“ Auf meiner Schulter spüre ich plötzlich eine Hand. „Buuh. Na schwänzt ihr schon wieder?“ Ich blicke in die grinsenden Augen meines besten Freundes Jake Richards. „Verzieh dich. Du Idiot.“ sagt Laura schnippisch und dreht meinen Kopf wieder in ihre Richtung, um mich wieder zu küssen. Ich halte inne als Jake wieder spricht. „Gut wie ihr wollt aber das wird Ärger mit Mr. Meyer geben.“ meint er nachdrücklich.  „Nachsitzen Mr. Parker und Miss Stone.“ Er äfft die Stimme unseres Klassenlehrers nach. Wir sehen ihn beide an. Jake ist so gut darin, die Stimme von Mr. Meyer nachzumachen, dass man fast das Gefühl hat er würde neben einem stehen. Ich blicke wieder in Lauras kristallblaue Augen und meine: „Jake hat Recht. Mein Alter tobt, wenn er mitkriegt, dass ich wieder schwänze.“ Laura scheint enttäuscht zu sein. „Ich dachte, dich interessiert nicht, was dein Vater sagt. Du hast gesagt, seine Zeit wäre sowieso vorbei. Jetzt wo dieser komische Virus rumgeht. War das alles nur Gerede?  Du kannst ja ein Streber werden. Aber glaub ja nicht, dass ich dann noch was mit dir zu tun haben will, Lucas Parker.“ Sie schnappt sich ihren Rucksack und verschwindet Richtung Schultor. Jake tritt neben mich und legt mir seine Hand auf die Schulter: „Weiber, mit denen hat man immer nur Probleme.“ Er steht rechts von mir. „Wie?“ frage ich. Ich habe ihn nicht verstanden. Er stellt sich dann direkt vor mich. „Dein Daddy hat dir das Ding nicht ohne Grund gekauft. An deiner Stelle würde ich es im Ohr statt im Rucksack tragen. Dort hilft es dir nämlich beim Hören.“ Er deutet auf meinen Rucksack. „Dort drin leider nicht.“
„Woher weißt…?“ setze ich an aber er unterbricht mich.
„Woher ich es weiß, willst du wissen?“ Ich nicke. „Ganz einfach. Ich muss nur auf deiner rechten Seite stehen und versuchen mit dir zu reden, dann fragst du immer nach, was ich gesagt habe. Ganz automatisch. Außerdem kann ich es öfter sogar aus deinem Gesicht herauslesen, dass du mich nicht verstanden hast. So einfach ist das.“ Ich verdecke kurz meine Augen mit meiner Hand bevor ich ihn wieder ansehe und spreche. „Meinst du Laura hat das auch gemerkt?“ Er sieht mich skeptisch an. „So verknallt wie die in dich ist?“ fragt er skeptisch. „Nein, die lässt doch ihre Augen nicht mehr von deinen Lippen. Die checkt gar nichts. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Aber wenn du das Teil“ Er deutet auf das Fach in dem sich die Box mit dem Hörgerät befindet. „nicht trägst, wird’s auch nicht besser werden sondern schlechter.“ Ich boxe ihn gegen die Schulter. „Alter, du klingst wie meine Mutter.“ Wir machen uns beide auf den Weg ins Schulgebäude. „Vielleicht solltest du mal auf sie hören.“ murmelt Jake. „Was?“ frage ich. „Nichts nichts.“ antwortet er etwas lauter.

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